Lampertheim

Handwerk Nach dem Studium absolvierte Victoria Blüm eine Ausbildung zur Bio-Metzgerin und verstärkt nun den elterlichen Betrieb – zupackend und mit neuen Ideen

Moderne Metzgerin mit Mastertitel

Archivartikel

Lampertheim.Die Frage, warum sie Metzgerin geworden ist, beantwortet Victoria Blüm gerne mit einer Gegenfrage: „Warum sind Sie es nicht geworden?“ Wenn man nicht gerade Vegetarier oder Veganer ist, kann man darüber tatsächlich etwas ins Grübeln kommen. Das Metzgerhandwerk habe eben kein so gutes Image, glaubt Victoria Blüm. Sie findet es schade: „Denn das ist so ein vielseitiger, toller Beruf!“ Dass sie ihn selbst einmal ausüben würde, kam dennoch überraschend.

Die 25-Jährige stammt zwar aus einer Metzgerfamilie – ihre Eltern Paul Blüm und Anette Hübner-Blüm führen das alteingesessene Geschäft in der Emilienstraße und auch der Groß- und Urgroßvater waren schon Metzger – doch als Schülerin interessierte sie sich mehr für ferne Länder als für die heimische Wurstküche. Vor dem Abitur bereiste die junge Lampertheimerin Finnland, Australien und Indien und arbeitete als Volunteer bei den Olympischen Spielen in Rio. Danach begann die junge Frau ein Geografie-Studium an der Uni Heidelberg, schloss es erfolgreich ab und sattelte im englischen Cardiff noch einen Master in Ernährungspolitik drauf. Zu diesem Zeitpunkt habe er nicht im Traum daran gedacht, dass seine Tochter einmal in die Metzgerei einsteigen würde, blickt Vater Paul Blüm schmunzelnd zurück.

Trump und Brexit „ging gar nicht“

Doch es kam anders. Und „schuld“ daran sind laut seiner Tochter vor allem drei Gründe: Trump, Brexit und „dass ich Einzelkind“ bin. Das Masterstudium in Cardiff gefiel der Lampertheimerin so gut, dass sie sich anschließend wegen der aus ihrer Sicht interessanteren Karriereaussichten am liebsten in England oder den USA beworben hätte. „Aber Trump und Brexit – das ging für mich beides gar nicht“, sagt sie noch heute entschieden. Außerdem habe sie als Einzelkind das Bedürfnis gehabt, ihren Eltern irgendwann wieder etwas von der Unterstützung zurückzugeben, die sie selbst erfahren habe.

Durch ein Praktikum beim Deutschen Fleischerverband und das Studium der Ernährungspolitik mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit hatte die junge Frau auch außerhalb des elterlichen Betriebs Verbindungen zum Metzgerhandwerk geknüpft. „Wo bleibt was von einem in Deutschland geschlachteten Schwein?“ – mit dieser Frage setzte sich Victoria Blüm intensiv auseinander.

Für ihre Masterarbeit führte die Studentin dann ein Interview mit Karl Ludwig Schweisfurth, dem Guru der ökologischen Landwirtschaft in Deutschland. Seine Vorstellung von natürlicher, artgerechter und nachhaltiger Lebensmittelherstellung überzeugten sie derart, dass sie beschloss, nach dem Studium in einem seiner Betriebe in der Nähe von Rosenheim eine Metzgerlehre zu machen. „Da konnte ich das traditionelle alte Handwerk lernen: Schlachten, Zerlegen und Wurstmachen.“ Die Abschlussprüfung bestand die Hessin in Bayern als Innungsbeste – und wurde für ihre Leistung nicht nur mit dem besten Zeugnis, sondern standesgemäß auch mit einem Weißwursttopf ausgezeichnet.

Neue Bratwurstrezepte kreiert

Inzwischen ist Victoria Blüm als Metzgergesellin im elterlichen Betrieb angestellt – und die Kunden können dort nun auch Weißwürste nach ihrem Rezept kaufen. Aber nicht nur das. Denn besonders gerne ist die Nachwuchsmetzgerin „kreativ im Gewürzlabor“. Neue Ideen und Produkte zu entwickeln macht ihr einfach Spaß. So schaffte es zuletzt eine „Mojito-Bratwurst“ in die Verkaufstheke. Was da drin ist? „Natürlich alles, was auch in einen echten Mojito gehört: Rum, Limette, Minze und Rohrzucker – und Schweinefleisch natürlich.“

Auch für Halloween hat die junge Frau schon einige Ideen – neben der Kürbis-Bratwurst können die Kunden womöglich eine Bloody-Mary-Bratwurst auf den Grill legen. Victoria Blüm tüftelt gerade an der Rezeptur.

Obwohl auch Schlachten zu ihrer Ausbildung gehörte, wird in der Metzgerei Blüm auch künftig nicht selbst geschlachtet. Zum einen müsste der Betrieb dafür erst aufwendig umgebaut werden, zum anderen sei es schwierig bis unmöglich alle Tierteile komplett zu verwerten, erklärt die Fachfrau. Weiter wie bisher mit ihrem langjährigen Lieferanten aus Schwäbisch-Hall zusammenzuarbeiten, halten sowohl der Seniorchef als auch seine Tochter für die bessere, weil nachhaltigere Alternative. „So müssen wir keine Lebensmittel verschwenden.“

Schweine und Rinder werden als Hälften oder Viertel zweimal die Woche geliefert, die Zerlegung erfolgt in Lampertheim. Die Ware trage zwar kein Bio-Siegel, aber Aufzucht und Haltung ihrer Tiere unterscheide sich nicht wesentlich von diesen Standards, versichern die Blüms, die sich davon auch regelmäßig persönlich in Schwäbisch Hall überzeugen. Wie dort mit den Tieren umgegangen wird, können sie mit ihrem Gewissen gut vereinbaren. Von konventionellen Betrieben, wie man sie auch aus sogenannten Schockvideos kennt, „sind wir weit entfernt“.

Warum aber nun kein „Bio“-Fleisch? Im Geschäft gäbe es so gut wie keine Nachfrage nach der vergleichsweise teuren Ware. Wohl aber nach „ordentlicher, sauberer Qualität“, erklärt Victoria Blüm. Diesen Weg will sie auch künftig, gemeinsam mit ihren Eltern, weitergehen, von ihnen noch viel lernen, sich weiter ausprobieren – und eines Tages ihren Meister machen. „Aber ich möchte erstmal meisterlich sein, bevor ich meinen Meister mache.“

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