Lampertheim

Umwelt Ausflügler am Neurhein bewerten Zufahrtsverbot unterschiedlich / Frage nach der Verhältnismäßigkeit

„Müssen mehr appellieren“

Archivartikel

Lampertheim.Sachte rauscht das Wasser stromabwärts. Das dichte Buschwerk am Ufer raschelt. Vögel fiepen und aus den hohen Wiesen zirpen die Grillen. Die weitläufige Auenlandschaft entlang der Nato-Straße, besonders aber das Rheinufer, lockt in Lampertheim mit seiner Natur. Doch die Idylle kann trügen.

Von einem dünnen Ast hüpft ein Braunkehlchen und landet federnd auf einer halbseitig zerbrochenen Bierflasche. Neugierig lugt der kleine Vogel hinein. Unter einem kleinen Mülleimer direkt an der Nato-Rampe, an der Boote in den Rhein gelassen werden können, liegt ein kleiner Müllberg. Der dafür vorgesehene Behälter ist am Sonntagmorgen leer. Wegen zunehmender Vermüllung und Vandalismus des Naturschutzgebietes und des Rheinufervorlands hat die Stadt den letzten Abschnitt der Zufahrt deshalb von Freitag bis Sonntag und an Feiertagen mittels eines Hinweisschildes für Kraftfahrzeuge gesperrt (wir berichteten). Als Grund nannte Bürgermeister Gottfried Störmer die gestiegene Anzahl an Ordnungswidrigkeiten, seit März hätte man 400 Verstöße festgestellt – von illegalem Camping über Lagerfeuer und Müllablagerung bis hin zum Zuparken der für Rettungskräfte wichtigen Rampe. Damit hat der Rathauschef nicht nur in der Lokalpolitik, sondern auch in der Bevölkerung eine heftige Debatte ausgelöst. Am sonnigen Wochenende gibt es von Ausflüglern am Rhein dafür beides: Lob und Kritik.

Rekord: 60 leere Flaschen

„Ein Trauerspiel“, sagt Ralf, als er mit seiner Frau und den zwei Hunden am Müllberg vorbeiläuft. Seinen Nachnamen möchte der Jurist aus Lampertheim nicht in der Zeitung lesen. Seit zwei Jahren haben er und seine Frau es sich zur Aufgabe gemacht, den sonntäglichen Spaziergang am Rheinufer mit dem Einsammeln und Entsorgen von Müll zu verbinden, erzählt er. Sogar andere Passanten habe er dafür schon begeistert. An der Menge des Mülls habe sich in dieser Zeit nicht viel geändert, berichtet er. Als besonderes Problem für Tiere hat er liegengebliebene Drahtroste ausgemacht. Trauriger Höhepunkt: 60 leere Sekt- und Weinflaschen habe er einmal am Wegesrand aufgelesen. Doch an diesem Sonntag sammelt Ralf keinen Müll ein. Denn die Zufahrt ist auch für sein Auto gesperrt. „Stinksauer“ ist der Lampertheimer deshalb nicht nur auf die Verursacher, sondern auch die Stadt. Dass es ein Müllproblem gibt, bestreitet er nicht. „Damit hat der Bürgermeister recht“. Dem Hundebesitzer geht es um die Verhältnismäßigkeit. „Ich sperre doch auch nicht die B 44, weil einige LKW zu schnell fahren“, so sein plakativer Vergleich. Er ist überzeugt, dass die Sperrung nicht zum Ziel führt. Er befürchtet sogar, dass nun auch „die eigentlich ordentlichen Leute Müll erst Recht dort lassen, weil es zu weit zum Auto ist“. Der widerrechtlichen Müllablagerung, ist er sich sicher, sei nur mit Einsicht und Aufmerksamkeit beizukommen, nicht aber mit Kollektivstrafen. „Es trifft zu 95 Prozent diejenigen, die vielleicht sogar auf das Auto angewiesen sind, nur die Natur genießen wollen, aber gar keinen Müll produzieren“, kritisiert er. All das hat er dem Verwaltungschef in einem Brief mitgeteilt. Der hat schnell reagiert und ihn für Donnerstag zum Gespräch eingeladen. Ein paar Lösungsvorschläge hat Ralf auch zur Hand. „Wir müssen mehr an die Menschen appellieren. Mit dem Hammer drauf funktioniert nie“, sagt er.

Als Erstes brauche es, da sind sich alle Ausflügler am Sonntag einig, größere Müllbehälter und Flaschencontainer. Die seien zwar teurer, müsse man dafür aber weniger oft leeren, und es sei allemal günstiger, als Müll aus der Natur fischen zu müssen. Außerdem halten viele Passanten größere Hinweisschilder in mehreren Sprachen sowie Markierungen für Park- und Verbotszonen für sinnvoll. Das Geld müsse man für die Natur eben in die Hand nehmen, so der Tenor. Für manche ist das „Nato-Gate“ aber symbolisch für eine viel größere Frage: Wie versteht sich Lampertheim? „Wir können nicht Tourismus und Naherholung ankurbeln und anpreisen, dann aber die Zufahrt sperren. Das passt nicht“, meint ein Spaziergänger.

Problem auch andernorts

Lob für den Bürgermeister kommt dagegen von zwei Bootsbesitzern. Das Durchfahrtsverbot finden sie „grundsätzlich gut“. Wildcamper hätten schon öfter die Zufahrt und das Rangieren an der Rampe erschwert. Das sei aber kein exklusives Lampertheimer Problem. „Andernorts“, berichten sie etwa aus Gernsheim und Biebesheim, „ist die Zufahrt mit Pollern für alle gesperrt“. Sie nähmen schon weniger Müll in den vergangenen Tagen wahr.

Wieder andere haben vom Verbot nichts mitbekommen. Eine sechsköpfige Familie ist aus Kaiserslautern angereist, um sich am Steinstrand zu erholen. „Hier ist es so schön, wir machen das fünf, sechs Mal im Sommer“, erzählt die Mutter. Auch ein Paar aus Viernheim sonnt sich samt Kind und Strandmuschel am Ufer. Grillende Jugendliche stören sie nicht, sagen sie. „Viele haben spezielle Vorrichtungen dabei“, hat der Vater beobachtet. Er hält den Rhein-Abschnitt für den „saubersten bis nach Neckarau“. „Da haben wir schon schlimmere Zeiten erlebt“, sagt das Paar, das auch wegen der Einschränkungen in Schwimmbädern lieber am Rhein sitzt. Künftig würden sie, hätte das Schild Bestand, wohl seltener kommen – auch wenn sie wissen: „Schuld daran ist nicht der Bürgermeister, sondern die Müllverursacher.“

Überfüllt ist es an diesem Sonntag nicht, am Steinstrand findet sich kaum Müll. So oder so – für alle Besucher bleibt die Frage: Was bringt das Verbot, wenn man es nicht durchsetzen kann? Denn für viele ist klar: Die Natur soll erhalten werden, doch umsetz- und kontrollierbar sei ein solches Verbot kaum. Jurist Ralf treibt noch eine zweite Frage um: „Einer gerichtlichen Prüfung“, vermutet er, „würde das Schild wegen Unverhältnismäßigkeit kaum standhalten.“

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