Lampertheim

Kirchenmusik Abschluss des diesjährigen Lampertheimer Orgelsommers mit Heike Ittmann und Trompeter Rüdiger Kurz

Mutig, aufwühlend, irritierend

Archivartikel

Lampertheim.Mit dem fünften und letzten Konzert dieses 16. Orgelsommers bekamen die zahlreichen Besucher der Lampertheimer Domkirche denn auch das ambitionierteste zu hören. Im Altarraum war zusätzlich Platz für Ehrengäste geschaffen worden; darunter für Andrea Csollány, deren 2001 entstandenes und von Heike Ittmann in der Mannheimer Christuskirche uraufgeführtes Werk nunmehr auf der Lampertheimer Domorgel erklang.

Damit knüpfte die Organistin an eine Zeit des Übergangs an, der sie 2003 schließlich in Lampertheim ankommen ließ. Seither hat Heike Ittmann kirchenmusikalisch Maßstäbe gesetzt. Ob mit der Gründung des inzwischen überregional etablierten Orgelsommers, des Neuaufbaus der Dekanatskantorei oder der Öffnung für populäre Musik in der Domkirche. Dafür wurde sie unter anderem mit dem erstmals vergebenen Kulturpreis der Stadt ausgezeichnet – mit ihrem Konzert am Sonntagabend setzte die Kirchenmusikerin abermals Maßstäbe.

Denn in der Fünfer-Serie zählte die Aufführung zweifellos zu den anspruchsvollsten – für Interpreten wie für Zuhörer gleichermaßen. Ein Atemholen gab es lediglich in der Mitte des Programms, das Heike Ittmann mit der Bearbeitung des Chorals „An Wasserflüssen Babylon“ von Johann Sebastian Bach auch als Bekenntnis zu einem, wenn nicht überhaupt d e m wegweisenden Orgelkomponisten verstanden wissen wollte.

Zugleich bot das doppelpedalige, dennoch filigrane und mit harmonischen Transzendenzwirkungen ausgezeichnete Werk die Gelegenheit, das jüngste Register der Vleugels-Orgel erstmals öffentlich vorzustellen: Die tremolierende Soloterz im Schwellwerk führte sich zur Begleitung durch die Flötenpfeifen mit einem kehligen, dennoch warm schimmernden Timbre als zarter Wohllaut ein.

Bliebe noch das Präludium in F-Dur von Mendelssohn-Schwester Fanny Hensel, das im Programm als Reminiszenz ans klassische Orgelrepertoire einen Platz bekam. Denn der überwiegende Teil des Konzerts galt Werken von deutsch-französischen Komponistinnen und Komponisten des 20. beziehungsweise 21. Jahrhunderts.

Mit dem „Te Deum“ von Jeanne Demessieux fluteten schillernde Spektralfarben und expressiv auflodernde Stimmen den Kirchenraum, die sich gegen matte Klangschatten in Szene setzten. Die komplexe und verdichtete Harmonik leuchtete die Organistin durch ihr rhythmisch betontes und die Strukturen sichtbar machendes klanglich differenzierendes Spiel aus.

Brodelnder Organismus

Von kontrastierenden Effekten und mächtigen dynamischen Steigerungen bestimmt auch Andrea Csóllanys „Organum“, das Heike Ittmann aus kontemplativer Versenkung ans Licht hob und diesem brodelnden Organismus mit flirrenden Begleitfiguren und pulsierenden Bassläufen Leben einhauchte. Auch in Elsa Barraines Präludium und Fuge in g-Moll erlebte das Publikum in der Domkirche faszinierende Farbwechsel und exotische Registermischungen.

Mit der Aufführung von Werken für Orgel und Trompete von Jean Langlais und Henri Tomasi bekam das Konzert seine expressivste Tönung. Feinfühlig und klanglich differenziert stimmte Heike Ittmann die Orgelbegleitung auf den Solisten ab. Der Mannheimer Trompeter Rüdiger Kurz nahm den Raum mit spitzen Intervallen, in fahle Agonie ausweichende Melodiefetzen und dann wieder mit gellend alarmistischer Aufruhr in Besitz.

Mutige, aufwühlende, irritierende moderne Musik, die der Orgel großzügige Spielräume eröffnete. Die Cantilene für Orgel und Trompete von Josef Gabriel Rheinberger – von Heike Ittmann selbst als Zeichen der Versöhnung angekündigt – spendete überangestrengten Ohren zum Abschluss einen wunderbar beruhigenden, elegisch-melancholischen Trost.

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