Lampertheim

Ökologie Nabu und Landwirtsfamilie widersprechen dem Bauernverband in der Kritik gegen das Agrarpaket

Naturschützer: Ohne Verbote ändern die Bauern nichts

Archivartikel

Lampertheim.Die grünen Kreuze stecken immer noch in den Äckern im Ried. Auch das große Transparent mit der Aufschrift „Danke, Julia! Deine Bauern“ prangt noch am östlichen Ortseingang Lampertheims. Damit wollen im Verband organisierte Bauern Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) öffentlichkeitswirksam für drohende Betriebsschließungen verantwortlich machen. Doch es gibt auch andere Stimmen in der Stadt – allerdings weniger plakativ in Szene gesetzt. Sie sagen: Ohne Verbote ändert sich die konventionelle Landwirtschaft nicht.

Das Agrarpaket aus dem Hause Klöckner und dem Bundesumweltministerium von Svenja Schulze (SPD) soll einem besseren Klimaschutz dienen. Teil des Konzeptes ist, Insektizide, also Gift gegen Insekten, auf Feldern zu verbieten, die in Landschaftsschutzgebieten liegen.

Lampertheim ist hier mit seinen 140 Hektar (1 Hektar = 10 000 Quadratmeter) bewirtschaftetem Schutzgebiet wie dem Biedensand betroffen. Das hat den Vorsitzenden des Regionalbauernverbands Starkenburg auf den Plan gerufen. Willi Billau aus Lampertheim machte gegenüber dieser Zeitung, wie mehrfach berichtet, keinen Hehl aus seiner Ablehnung. Er sprach von der Existenzbedrohung seiner Zunft. Die Lampertheimer Nabu-Vorsitzende Andrea Hartkorn sagt auf Nachfrage dieser Zeitung zum Insektizid-Verbot: „Landschaftsschutzgebiete sind dafür da, geschützt zu werden.“ Seit Jahrzehnten stürben Insekten und deren Arten, ohne dass bislang effizient gegengesteuert worden wäre. Vor diesem Hintergrund sei das Verbot von Gift gegen Insekten in Schutzgebieten zu begrüßen. „Das Agrarpaket will die Landwirtschaft schützen, in dem es Tiere schützt“, sagt Hartkorn.

„Längst überkommene Debatte“

Die Nabu-Sprecherin spannt den Bogen weiter und nimmt die Bundes- und Europapolitik in die Pflicht. Nach wie vor ließen Bestimmungen manchen Bauern keine andere Wahl, als um des Ertrages Willen zur Chemokeule zu greifen. Als Beispiel nennt sie den Umstand, dass nach Fläche gefördert würde, statt nach Projekten und Maßnahmen: „Wir führen eine längst überkommene Debatte immer weiter. Dabei ist doch klar: Wer der Natur schadet, schadet immer auch den Menschen.“ Hartkorn auf die Frage, welche Botschaft sie für die Konsumenten habe: „Kauft Bio-Kartoffeln.“ Verbandsfunktionär Billau rechnet immer wieder vor, dass Bio-Landwirtschaft im Vergleich zur konventionellen für den gleichen Ertrag die vierfache Fläche benötige. Da ist Naturschützerin Hartkorn bei ihm. Der Zwang, gewisse Erträge zu erzielen, passe nicht mehr in die Zeit. „Wer weiter nur auf Wachstum setzt, stößt an Grenzen, wie wir ja bei den Insekten sehen.“

Otto Henkelmann hat 1961 den Hof seines Großvaters übernommen und ihn später von der Römerstraße 66 an die B 47 kurz vor Rosengarten verlegt. Heute ist er 79 Jahre alt, die Viehställe sind längst leer und die Äcker verpachtet. Henkelmann engagiert sich in der Lokalen Agenda 21 in Lampertheim, ein umweltpolitisches Aktionsprogramm unter der Ägide der Stadt. In Bezug auf Pflanzenschutzmittel sagt er: „Ganz ohne geht nicht.“ Er kritisiert allerdings die Ausmaße der Anwendung scharf. „Wenn ich früher den Kanister mit dem Spritzmittel gegen Unkraut auf den Getreidefeldern aufgeschraubt habe, bekam ich sofort höllische Kopfschmerzen. Und die blieben zwei Tage lang. Das Schlimmste ist aber, dass es solches Zeug heute immer noch gibt.“

Tochter Iris Henkelmann, politisch im grünen Spektrum verortet, hat bei der Ursachenforschung die Konzernriesen der Pflanzenschutz-Industrie im Blick. Diese hätten längst eine so große Macht, dass sie die Landwirte gängeln könnten. „Wer heute Saatgut bei so einem Konzern kauft, muss den Pflanzenschutz gleich dazu nehmen, weil den nur dieser Anbieter entwickelt hat“, erklärt die 49-Jährige, die mit ihrer Familie bei ihrem Vater auf dem Hof lebt. Dem Treiben der Konzerne könne nur der Gesetzgeber Einhalt gebieten, sagt sie. Dessen fehlenden Willen dazu zeige allein schon die Debatte um das Glyphosat-Verbot in Deutschland. Zudem sei mancher im Verband organisierte Bauer Lobbyist der Pflanzenschutz-Konzerne.

Selbstverständlich sei es richtig, Insektizide in Schutzgebieten zu verbieten, so Iris Henkelmann. Die Größenordnung von 140 Hektar betroffener Fläche sei „ein Witz für den Naturschutz“. Durch ihre Anzahl geteilt, seien das gerade mal zehn Hektar pro Betrieb, also zu verschmerzen. Nehme man den Flächenfraß durch Umgehungsstraßen, Gewerbegebiete oder die ICE-Trasse dazu, kämen allerdings schon bedrohliche Ausmaße zusammen.

Das sieht Iris Henkelmann so wie Willi Billau. Laut Otto Henkelmann hat es in seinen Anfangsjahren 66 Vollerwerbsbetriebe in Lampertheim gegeben. Heute seien es noch elf oder zwölf. „Aber auch deshalb, weil viele Junge die Schufterei nicht mehr wollen.“

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