Lampertheim

Gedenken Gunter Demnig verlegt vier neue Stolpersteine

"Nicht schweigend zuschauen"

LAMPERTHEIM.Ideologisch gesteuerte Gewalt, Misshandlungen, Deportation und Mord - auch in Lampertheim durchlebten viele Juden im Nationalsozialismus unzählige Gräueltaten. Zur Erinnerung an eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte und in Gedenken an die Lampertheimer Familie Ferdinand Guggenheimer hat der Künstler Gunter Demnig jetzt vier Stolpersteine in den Gehweg der Ernst-Ludwig-Straße vor Haus Nummer 16a eingelassen.

Nach dem ersten Stein vor fast genau zehn Jahren für Alfred Delp ist es bereits die fünfte Verlegung solcher Erinnerungspunkte in der Spargelstadt. Doch auch nach insgesamt 28 Jahren und 63 000 Steinen in 22 Ländern Europas: Routine kommt für Demnig nie auf. "Jeder Stein erzählt seine eigene Geschichte des Leidens, jeder Mensch erlebte ein anderes Schicksal", so der Künstler. Ans Aufhören denke er daher noch lange nicht: "Es muss weitergehen", findet er.

Im Haus in der Ernst-Ludwig-Straße wohnte seit 1899 Ferdinand Guggenheimer - seine Frau verstarb bereits 1929 - mit Tochter Lina Liesa, Schwiegersohn Friedrich Kirchheimer und Enkel Ernst Simon, bevor sie 1939 nach Mannheim verzogen. Dort begann für die Familie eine grausige Tortur durch mehrere Konzentrationslager, die für das Ehepaar Kirchheimer mit der Ermordung in Auschwitz ein trauriges Ende nahm. Guggenheimer überlebte die Grauen des NS-Regimes, der kleine Enkel galt hierzulande lange als verschollen.

Überlebender in den USA

Erst ein Brief aus den Vereinigten Staaten im Jahr 2014, adressiert an die Stadtverwaltung mit dem Adoptionsnamen Ernst Hirsch, brachte Aufklärung. Mithilfe eines Kinderhilfswerks gelang dem heute 85-jährigen die Flucht über die Schweiz. Bürgermeister Gottfried Störmer übermittelte aus einem Telefonat Grüße aus den Staaten und berichtete, Hirsch freue sich sehr über die Aktion und hätte ihr gerne persönlich beigewohnt.

"Die Steine sollen uns geistig stolpern lassen, bieten eine Möglichkeit der Erinnerung", so der Bürgermeister weiter. Besonders sei auch das Zustandekommen: Erstmals kamen Hausbesitzer mit der Idee auf die Stadt zu und nicht umgekehrt. Beim Verkauf der Immobilie gab es dann sogar eine Verpflichtung zur Verlegung an die neuen Besitzer. "Wir wollten nicht schweigend gehen", sagte Andrea Arndt. Die Steine sollten nicht nur Erinnerung, sondern auch Warnung zugleich sein. "Auch heute herrscht oft wieder große Unzufriedenheit. Das kann sehr schnell in Intoleranz und Kurzsichtigkeit umschlagen. Dabei müssen wir nicht schweigend zuschauen!", appellierte sie. Gerade die neuen Medien könnten schnell radikale Haltungen erzeugen, stimmte Störmer zu. "Das darf nicht wieder passieren!", mahnte er eindringlich.

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