Lampertheim

Wertvolles Wasser Neue Serie geht der Bedeutung des Lebenselixiers und unserem Umgang damit nach / Auftakt mit einem Bericht über die Lampertheimer Kläranlage

Plastik und Medikamente bereiten Sorgen

Archivartikel

Lampertheim.Wasser sauberer zu machen, ist das erklärte Ziel der hessischen Landesregierung. Das Umweltministerium hat eine sogenannte Spurenstoffstrategie entworfen (wir berichteten), um das Reinigungsvermögen der Kläranlagen zu erhöhen. Begonnen wurde mit den beiden Gemeinden Bickenbach und Büttelborn; diese sollen ihre Kläranlagen um eine weitere – die vierte – Reinigungsstufe erweitern. Langen, Darmstadt, Weiterstadt und Mörfelden-Walldorf sollen folgen. Steht die Lampertheimer Kläranlage in absehbarer Zeit ebenso vor dem Sprung in die vierte Dimension?

Bau-Fachbereichsleiter Christian Plöhn und Marcus Weidenauer, der die Kläranlage leitet, können hierfür weder Anzeichen noch eine akute Notwendigkeit erkennen. Lampertheim sei in der glücklichen Lage, mit dem Rhein an einem Fluss zu liegen, der vergleichsweise unempfindlich ist für die Aufnahme von Reststoffen, die mit dem Klärwasser abgeleitet werden.

Dies gilt etwa auch für die verbleibenden Phosphate, wie sie sich in Waschmitteln finden. Generell darf der Wert von 1,6 Milligramm pro Liter nicht überschritten werden; die Belastung wird in Lampertheim mit durchschnittlich neun Milligramm pro Liter gemessen, durch den Klärprozess kann der Anteil auf 0,8 Milligramm gesenkt werden.

Reinigungsleistung

Die hohe Reinigungsleistung lässt sich auch beim Stickstoff dokumentieren: 61 Milligramm kommen pro Liter in der Kläranlage an; wenn das geklärte Wasser abfließt, sind nur noch 9,4 Milligramm nachweisbar. Beim speziellen Blick auf Nitrate, die Bestandteil des Stickstoffwerts sind, sieht es ähnlich aus: Die Belastung liegt derzeit bei knapp 50 Milligramm pro Liter. Der Grenzwert für das geklärte Abwasser liegt bei 15 Milligramm – die Lampertheimer Kläranlage unterschreitet diesen Wert etwa um die Hälfte.

Sorge bereitet dem Bauamtschef und dem Leiter der Kläranlage freilich die zunehmende Belastung des Abwassers durch Medikamentenrückstände und kleinste Plastikteilchen. Diese werden unter anderem einigen Kosmetika zugesetzt. Um diese Stoffe aus dem Abwasser zu eliminieren, müsste die Kläranlage über zusätzliche Filteranlagen verfügen. Der Dreck, den unsere Zivilisation produziert, spricht theoretisch für den unbegrenzten Ausbau. Die Frage ist laut Marcus Weidenauer bloß: „Wer bezahlt diesen Aufwand?“ Immerhin: Sollte die vierte Reinigungsstufe tatsächlich gefordert werden, könnte ein weiteres Filtersystem auf dem Gelände des ZAKB auf der anderen Seite der Klärwerkstraße errichtet werden.

Laut einer aktuellen Verordnung darf in Hessen nur noch ein Drittel des Klärschlamms, der die Kläranlagen verlässt, auf die Felder ausgebracht werden, um die Gefahr einer Überdüngung – beispielsweise durch Restphosphate im Schlamm – zu verringern. Damit vergrößert sich der Aufwand, den Klärschlamm zu entsorgen. Neben dem Ausbau der Reinigungsstufen kann sich auch dies als Aspekt erweisen, der die kommunale Abwasserbeseitigung in Zukunft teurer macht.

Konkrete Investitionen kommen auf Lampertheim zunächst mit der Sanierung des Kanalsystems sowie dem Neubau eines Regenklärbeckens am Altrhein zu. Das Becken dient der Klärung von separat abgeführtem Regenwasser aus dem Gewerbegebiet, um nicht zusätzlich die Kläranlage zu belasten. Geschätzte Investitionskosten: 2,8 Millionen Euro. Weitere Untersuchungen stehen 2019 im Rahmen einer Abflussstudie an.

Außerdem will Lampertheim sein Kanalnetz in den kommenden zehn Jahren sanieren. Hierfür sollen jährlich 500 000 Euro an Haushaltsmitteln zur Verfügung gestellt werden. Mit den Sanierungsarbeiten soll in der zweiten Jahreshälfte begonnen werden. Bau-Fachbereichsleiter Plöhn geht davon aus, dass die Investitionen dank der positiven Gebührenhaushalte in den vergangenen Jahren ohne eine Anhebung der Gebühren finanziert werden können. Die kommunale Abwasserbeseitigung koste seit Jahren zwischen drei und vier Millionen Euro.

Abwassermeister

Zusammen mit Marcus Weidenauer arbeitet mit Claus Muntermann ein weiterer ausgebildeter Abwassermeister auf der Kläranlage. Der 45-jährige Weidenauer ist bereits seit 1991 an der Klärwerkstraße tätig, seit knapp zehn Jahren als Leiter der Anlage. Ihm stehen acht Mitarbeiter zur Seite. Auch Auszubildende finden hier einen Job; derzeit wird ein Elektriker mit Befähigung zum Schaltschrankbauer gesucht.

Marcus Weidenauer kann sich für seinen Arbeitsplatz begeistern; die Vielfalt der Tätigkeiten erfordert Kenntnisse in technischen, chemischen und physikalischen Gebieten. Sie müssen zudem fortwährend aktualisiert und ergänzt werden. Dass er für das, was er tut, eine hohe Verantwortung trägt, um den „Organismus“ Kläranlage am Leben zu erhalten, motiviert ihn zusätzlich.

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