Lampertheim

Kirchenmusik Anna Pikulska eröffnet 15. Konzertreihe in der gut besuchten Lampertheimer Domkirche

Reizvolle Kontraste zum Auftakt des Orgelsommers

Archivartikel

Lampertheim.Von Georg Friedrich Händel zu Max Reger ist es ein weiter Weg. Doch Anna Pikulska hat einen langen Atem. Und so eröffnet sie den 15. Lampertheimer Orgelsommer mit einem fröhlich-sonnigen F-Dur, das Händel seinem vierten Orgelkonzert zugedacht hat. Von Marcel Dupré allein für Orgel eingerichtet, lässt die aus Polen stammende Organistin in der Domkirche kammermusikalische Illusionen erblühen, die ihre konzertanten Wirkungen nicht verfehlen.

Von einigen nervösen Spielfehlern zu Beginn abgesehen, gelingen der in Mainz wirkenden Interpretin reizvolle Kontraste, indem sie Solo- von Tutti-Stimmen deutlich voneinander absetzt. Ein Effekt, der sich verstärkt, indem sie die Klangfarben der Stimmen im weiteren Verlauf variiert. Auch beweist Anna Pikulska reichlich Sinn für barocke Ornamentik, etwa beim Adagio, aus dem sie mit freudvollem Schwung ins Finale aufbricht.

Filigranes Geflecht

Johann Sebastian Bachs Triosonate d-Moll erfordert eine weitaus differenziertere Ökonomie in der Stimmenführung: Hier will jede Note ausgewogen sein. Zumal die Stimmen in Bachs filigranem kontrapunktischem Geflecht auf eine Weise einander überkreuzen, sich gegenseitig imitieren, auseinander streben und wieder zusammenfinden, dass man beinahe von einem dreidimensionalen Hörerlebnis sprechen kann.

Dank der klugen und sensiblen Registrierung Anna Pikulskas, aber auch dank der akustischen Transparenz der Domkirche, in der die Vleugels-Orgel ihre Klangeigenschaften unverfälscht zum Ausdruck bringen kann, entbehrt auch dieses anspruchsvolle Werk der Orgelliteratur seine Reize nicht. Diese liegen vor allem in der Feinheit und Vornehmheit der Stilmittel, die Anna Pikulska mit empfindsamer Artikulation zum Ausdruck bringt.

Mit Felix Mendelssohn Bartholdys Präludium und Fuge in f-Moll (nach einer Orgelfassung von Christoph Bossert) nimmt das Konzert in der gut besuchten Lampertheimer Domkirche eine Wendung. Es ist die Stunde der Romantik, in der sich das Motto dieses Orgelsommers – „Fantasie“ – realisiert, die sich aber zugleich auf ihre Wurzeln beruft. Und so setzen sich nach Mendelssohns schwellender Dynamik im Präludium polyphone Strukturprinzipien durch, die Anna Pikulska mit stilsicherem Empfinden für das barocke Format einer Fuge würdigt. Ein energisches, leidenschaftliches Finale, das den Weg ebnet für den modernsten Komponisten dieses Konzerts: Charles-Marie Widor.

Auch der französische Spätromantiker hat in seinem Zyklus „Bachs Memento“ mit Bearbeitungen von Werken Johann Sebastian Bachs eine Adaption barocker Stilmittel vorgenommen und sie, etwa durch Halte- und Schwebeklänge, behutsam in die Moderne zu überführen versucht. Eine geradezu demütige, wenn auch nicht unterwürfige Geste, der sich die Organistin mit zärtlicher Hingabe widmet.

Ein Konzertprogramm, das, vom Ende her gesehen, wie eine Vorbereitung auf den Höhepunkt wirkte: Max Regers Fantasie und Fuge (opus 135b). An der Grenze zur Atonalität stehend, scheinen sich Barock, Klassik und Romantik in Regers komplexer Musikalität (und Genialität) zu einer neuen Klangsprache zu verdichten, der sich Anna Pikulska mit leidenschaftlichem Einsatz widmet. Sie legt die Entwicklungen von der Fantasie bis zur Fuge im Spektrum zwischen der Vox Coelestis im Schwellwerk und den 16-Fuß-Bässen im Pedal als spannungsreiches Geschehen an, das in ein großes Finale mündet.

Freilich erklingt dieser Reger nicht in einer Kathedrale. Und die Vleugels-Orgel ist auch nicht für eine solche Kathedrale ausgelegt. Doch dass auch diese Orgel „Reger kann“, bringt die Interpretin mit überragender Musikalität zu Bewusstsein. Ein vielversprechender Auftakt dieses Orgelsommers.

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