Lampertheim

30 Jahre Mauerfall Lampertheimer erinnern sich an jene aufregenden Jahre – und an die Zeit, als es noch zwei Deutschlands gab

Schikanen an der Grenze und Apfelsinen nur zu Weihnachten

Archivartikel

Lampertheim.„Es war wunderschön“, schwärmt Claudia Mehner über ihre Reise nach Dresden. Die 47-Jährige war mit ihrem Ehemann Kay (51) in der Hauptstadt des Bundeslandes Sachsen, um die Sehenswürdigkeiten zu entdecken. Das Florenz an der Elbe war ihnen bis dahin nur vom Hörensagen bekannt. „Wir sind zu zweit ganz spontan mit dem Zug nach Dresden gefahren“, erklärt sie. Zum einen lockten die Stadt mit ihren barocken Bauwerken und weltbekannten Elbauen und zum anderen der Besuch des Großcousins ihres Mannes.

„Wir haben auch schon Leipzig besucht und fahren mindestens einmal im Jahr nach Berlin. Die Bundeshauptstadt ist für uns eine ganz besondere Stadt, wir fühlen uns dort wie zu Hause“, sagt die Bibliserin und fügt hinzu: „Wir lieben vor allem die historischen Bauten der ostdeutschen Städte und verfolgen den Wandel, wie die Städteentwicklungen. Die Situation vor der Wende können wir als Wessis in vielen Dingen gar nicht nachvollziehen.“

Ein Städtetrip in eine ostdeutsche Stadt oder der Besuch von Verwanden in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) war früher, als es die innerdeutsche Grenze noch gab, nicht ohne weiteres möglich. „Der westdeutsche Besucher war bei der Grenzüberschreitung den Schikanen der Grenzbeamten ausgesetzt“, erklärt die Lampertheimerin Ilona Mehner, die Mutter von Kay Mehner. Ihre Eltern stammen aus einem Ort am Rande der Sächsischen Schweiz, rund 50 Kilometer von Dresden.

Vor der Wende rübergemacht

Deshalb ist die Familie auch vor der Wende mehrmals mit dem Auto „rüber gefahren.“ Die 70-Jährige erinnert sich noch sehr genau an die strengen Vorschriften im Transitverkehr. Autobahnen und Grenzübergänge waren streng bewacht. Wenn ein Bundesbürger eine Reise zu Angehörigen in die DDR plante, musste der Ostdeutsche den Besuch lange vorher bei den zuständigen Behörden anmelden und Einreisepapiere beantragen. Diese wurden auf dem Postweg zu den Verwanden in Westdeutschland geschickt.

„Bei der Einreise mussten die Bundesbürger hohe Gebühren entrichten, wie etwa den Zwangsumtausch tätigen“, entsinnt sich Ilona Mehner. Auch deshalb sind die Mehners froh, dass die Mauer vor 30 Jahren gefallen ist. Die 1961 gebaute Berliner Mauer hinderte mit ihrem Grenzbefestigungssystem bis 1989 die Einwohner der DDR daran, das Land in Richtung Westen zu verlassen. Erst mit dem Fall der Mauer am 9. November 1989 konnte die Grenze passiert werden. „Ich finde es so toll, dass wir wieder ein vereintes Deutschland sind, denn gerade in den ostdeutschen Städten lebt so viel Geschichte und die finden wir spannend“, bekräftigt auch Schwiegertochter Claudia Mehner.

An das Filzen der Zöllner auf der ostdeutschen Seite kann sich auch Helmut Dorn erinnern. Diese schikanierenden Maßnahmen bei der Grenzkontrolle haben ihn schon als Kind empört, nämlich dann, wenn ihn seine Oma mit nach Thüringen zu Besuch nahm. Seine Verwanden väterlicherseits stammten aus Erfurt. Aus dem kleinen Helmut von damals ist ein leidenschaftlicher Naturfotograf geworden und als die Grenze auf war, zog es ihn mit der Kamera in die neuen Bundesländer. Die Bilder über den Fall der Mauer hat Dorn im Fernsehen gesehen, wie sich die Menschen aus beiden Teilen Berlins in die Arme fielen und auf der Mauer tanzten.

„Ich war froh, dass nach der jahrzehntelangen Teilung Deutschlands die Mauer fiel“, sagt der 69-Jährige: „Ich bin von der wunderschönen Natur im Osten fasziniert, da man sie hautnah erleben kann. Manche Orte sind regelrecht wildromantisch.“ Er hat viele Regionen in Mitteldeutschland bereist und die Schönheiten der Landschaften und die Vogelwelt fotografisch festgehalten. So hatte er sich beispielsweise nach Rügen und zur Mecklenburgischen Seenplatte aufgemacht, um den berühmten Herbstzug der Kraniche sowie See- und Fischadler zu fotografieren. Dorn entsinnt sich: „Um die Vögel zu beobachten waren Naturfreunde aus mehreren Nationen auf dem Hochstand zusammengekommen, außer mir noch Fotografen aus Tschechien, der Niederlande und Polen. So wurde der Anstand inmitten der Landschaft zu einem beliebten Treffpunkt für internationale Gäste.“ In späteren Jahren erkundete Dorn den Osten per Fahrrad. Sein Resümee: „Das Foto von Erfurt in der Domgasse habe ich im November 1999 geschossen. Wenn die Wende nicht gekommen wäre und damit die Unterstützung aus dem Westen, wären auch die Bauten in der DDR zusammengebrochen. Viel Geld ist seit der Wiedervereinigung in die neuen Länder geflossen und manche Orte sehen hübscher aus als im Westen.“

Spuren hinterlassen

Jede Menge Ostalgie hat kürzlich das Ehepaar Simone und Rolf Wegerle erlebt. Dank dem Mauerfall konnten sie sich in einer Klinik für Medizinische Rehabilitation vor den Türen von Berlin, auf einstigem Ostgelände, behandeln lassen. Rolf Wegerle sagt begeistert: „Uns hat alles sehr gut gefallen.“ Doch in dem kleinen Ort habe die DDR bis heute so manche Spur im Stadtbild hinterlassen. Von einer ostdeutschen Patientin erfuhr das Lampertheimer Ehepaar einiges über die Missstände in der DDR. „Wir haben abends stundenlang zusammengesessen und der 60-jährigen Frau zugehört.“

Beispielsweise wurde über das miserable Warenangebot im volkseigenen Handel gesprochen. „Wir können es uns gar nicht vorstellen, dass es Apfelsinen nur zu Weihnachten gab“, betont Wegerle. Die Lampertheimer sind Markierungen der ehemaligen Mauer um Berlin entlanggelaufen. „Wir sind froh darüber, dass die Mauer gefallen ist, schließlich hatte die DDR-Regierung ihr Volk eingesperrt“, so der 53-Jährige. Er bekennt: „Wir sind verliebt in den Osten.“

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