Lampertheim

Schlimmer als beim Zahnarzt

Es rumst, kracht, scheppert, knallt und rüttelt, dass die Wände wackeln. Motoren röhren, Schaufeln klirren auf Stein, die Bauarbeiter schreien sich an, weil sie sich im ganzen Lärm ohnehin nicht verstehen. Und man selbst sitzt drinnen, kann nicht weg und irgendwohin fliehen, wo es ruhiger ist. Unangemeldet haben die Bauarbeiter damit angefangen, den Gehweg aufzureißen, um Kabel zu verlegen. Erst kommen Platten und Erde mit großem Getöse raus aus dem Boden , dann mit ebensolchem Getöse wieder rein. Die Kabel sind fürs angeblich schnelle Internet. Irgendwie merkwürdig, dass das lautlose Digitalzeitalter nicht ohne Instrumente auskommt, die aus einer archaischen Epoche stammen, in der noch mit Hand gearbeitet werden musste. Und mit Krach, der sich anhört wie beim Zahnarzt. Nur viel schlimmer.

Irgendwann steht ein Bus vor der Baustelle und kommt nicht vorbei. Der Fahrer drückt einfach mal minutenlang auf die Hupe. Die Bauarbeiter sind so etwas offenbar gewohnt. Sie machen ungerührt weiter. Sie halten das Ganze auch ohne Hörschutz aus, den sie nicht mehr benötigen, weil ihr Trommelfell inzwischen Hornhaut hat. Für die Feinheiten eines Kammerorchesters müssen sie sich ja auch nicht interessieren. Doch für hörempfindliche Menschen sind Bauarbeiten direkt unterm Wohnzimmer- oder Bürofenster eine Folter, der sie sich im Alltag ohnehin ständig ausgesetzt fühlen. Durch Gehupe und Gedröhne auf der Straße, durch Geschrei und Handymusik in der Fußgängerzone. Lärm ist wie ein Übergriff, gegen den man sich nicht wehren kann. Es sei denn, man zöge sich große Kopfhörer über die Ohren, wäre dann allerdings für jede soziale Interaktion verloren.

Viel wird in unseren Städten getan für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen. Sie erhalten abgesenkte Bordsteine, größere Parkplätze und Orientierungshilfen auf Gehwegen. Barrierefreiheit ist das Schlagwort, wenn es um Bauvorhaben geht, damit Rollstuhlfahrer sich frei und selbstständig bewegen können. Das ist gut so. Lärmgeplagte haben dagegen keine Lobby. Sie gelten als überempfindlich und werden zum Therapeuten geschickt. Oder sie lassen ihre Aggressionen, die sich aufgrund des permanenten Lärmdrucks angestaut haben, abends am Ehepartner oder auf Facebook raus. Unter Lärm leiden wir allerdings alle, ob wir ihn bewusst wahrnehmen oder nicht. Politisch beachtet werden Lärmgeplagte jedoch nicht – sie sind einfach nicht laut genug.

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