Lampertheim

Bildung Beerdigung für Abisturm und Schulzeit / Irritation bei Zuschauern

Schulende mit stillem Protest

Lampertheim.Ganz anders als sonst ist der Abisturm im Lampertheimer Lessing-Gymnasium (LGL) verlaufen. Als sich die Abiturienten des Lessing-Gymnasiums am Dienstagmorgen auf der Domwiese trafen, konnte man sehen, welche Last mit den beendeten Prüfungen von ihnen gefallen war. In der Schule saßen die Schüler schon aufgeregt in den Klassenräumen, denn durch ein Absperrband ließ sich erahnen, dass der Tag endlich gekommen war, an dem die Abiturienten die Schule stürmen sollten. Auf einmal ertönte der Schulgong und eine Durchsage wies die Schüler an, sich auf dem Schulhof hinter der Absperrung zu versammeln. Ausgelassen und voller Vorfreude stürmten die jüngeren Schüler auf den Hof. Über die Anlage der Schule wurde die epische Titelmusik aus „Fluch der Karibik“ abgespielt, die einen großen Auftritt ankündigte.

Erwartungsvoll drängten sich die Schüler hinter der Absperrung, doch als die Musik endete, erwartete alle eine Überraschung: Statt ausgelassen den Schulhof zu stürmen, zogder Abiturjahrgang zu „Hallelujah“ von Leonard Cohen mit gesenkten Köpfen als eine Art Trauerzug ein. Vier Schüler, die einen schwarzen Sarg mit einem Kreuz trugen, führten den Zug an. In der Mitte des Hofs legten sie den Sarg würdevoll zu Boden und alle anderen bildeten um sie herum einen Halbkreis. Nach und nach gingen die Abiturienten in kleinen Grüppchen wie Trauernde zu dem Sarg und verstreuten Rosenblätter darüber. Ohne nur ein Wort gesagt zu haben, verließen die Absolventen zu den Klängen von „Time to say goodbye“ ebenso melancholisch wieder das Schulgelände.

Dem Publikum war das Unverständnis ins Gesicht geschrieben. Einige jüngere Schüler durchbrachen die Stille mit Buhrufen, während sich andere fragten: „War das jetzt schon alles?“ Man erwartete, dass die Abiturienten jeden Moment laut feiernd zurückkämen – Fehlanzeige. Denn für sie war der Abisturm damit beendet und die jahrgangsinterne Feier am Altrhein konnte beginnen. Mit einem rosenbestreuten Sarg und ohne Worte ließen die Abiturienten ihre Lehrer und Mitschüler auf dem Schulhof zurück.

Auf Nachfrage dieser Zeitung erklärten die ehemaligen Schüler: „Wir wollten ein Statement setzen. Der Sarg symbolisiert natürlich unsere Schulzeit, die wir zu Grabe getragen haben, aber ebenso soll er auch den Abisturm am Lessing-Gymnasium darstellen. Den haben wir nun beerdigt, da uns durch die ganzen Regulierungen alle Möglichkeiten genommen wurden.“ Aus ihrer Sicht wurden die Möglichkeiten für einen anständigen Abisturm in den vergangenen Jahren immer mehr eingeschränkt. Wasser spritzen, wie es an anderen Schulen noch üblich ist, käme von Seiten der Schulleitung nicht mehr in Frage. „Außerdem hätten wir eine Playlist der Musiktitel, die wir spielen wollen, im Voraus bei der Schulleitung einreichen müssen. Was der Leitung nicht gepasst hätte, wäre einfach von der Liste gestrichen worden.“ Das wollte man sich nicht gefallen lassen.

Doch vor allem die jüngeren Schüler waren sichtlich enttäuscht von dem Auftritt der Abiturienten. Sie fanden den Abisturm „langweilig“ und „viel zu kurz“. Das Statement kam bei ihnen nicht an. „Da gibt es jetzt etwas aufzuarbeiten bei den jungen Schülern. Vor allem denen, die zum ersten Mal bei einem Abisturm dabei waren, müssen wir das jetzt erstmal erklären“, stellten ein paar Lehrkräfte fest, die das Geschehen selbst irritiert beobachtet hatten. Auch der stellvertretende Schulleiter Jérôme Dath zeigte sich sehr überrascht. „Wir wussten nicht, was uns erwartet. Es wurde kommuniziert, dass der Abisturm diesmal kürzer wird, aber so kurz hätten wir ihn nicht erwartet.“ Konfrontiert mit der Aussage der Abiturienten, dass die Aktion ein stiller Protest hinsichtlich der Einschränkungen durch die Schulleitung war, konnte Dath nicht wirklich nachvollziehen. Zwar sei er noch nicht so lange im Amt, dass er alle Gespräche zu diesem Thema mitbekommen hat, allerdings sei er sich sicher, dass es genug Möglichkeiten für einen normalen Abisturm gegeben hätte: „Die Abiturienten hätten am Vorabend und vor Unterrichtsbeginn etwas auf dem Schulhof oder in der Schule vorbereiten können, aber das wollten sie nicht.“

Auch dass die Verwendung von Wasser vollkommen verboten sei, dementierte Dath. Bezüglich der einzureichenden Playlist stellte er klar, dass die Schulleitung lediglich rechtsextreme oder nicht jugendfreie Musik gestrichen hätte. „Wir bedauern es sehr, dass das so gelaufen ist. Die Veranstaltung ist für Abiturienten normalweise etwas Schönes, das in Erinnerung bleiben soll.“ Auch sei er sich sicher, dass die Idee für die Protestaktion den Abiturjahrgang gespalten habe, da ein großer Teil der knapp 100 Abiturienten bei der Aktion fehlte. Diese Annahme bestätigten ein paar Abiturienten, die erst später eintrafen. Die Mehrheit habe sich für das Statement anstelle eines Abisturms ausgesprochen, doch einige seien damit nicht einverstanden gewesen, und hätten die Protestaktion boykottiert.

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