Lampertheim

Glosse Wo und warum man sich in Lampertheim gerne niederlässt / Vor der Hauswand meditieren und auf dem Schillerplatz exotische Farben genießen

Sitzgelegenheiten in schillernder Szenerie

Lampertheim.Wer in der Schule sitzen geblieben ist, weiß, welche unangenehme, manchmal auch traumatische Erfahrung damit verbunden sein mag. Doch bei vielen Gelegenheiten des Alltags nimmt man gerne einmal Platz. Etwa im Frühjahr, wenn die lauen Temperaturen zum Verweilen ins Freie locken. Und so setzt auch die Stadt auf den Sitzgenuss als urbanes Elementarbedürfnis.

Auf den Bänken in der Bürstädter Straße bleibt zwar niemand lange sitzen – außer er lässt sich auf Bitten des Fotografen dazu herab –, aber sie gehören mittlerweile zum unverzichtbaren Mobiliar dieser Stadt. Wer hier Platz nimmt, hat freie Sicht auf die Hauswand direkt vor seiner Nase. Die zur Straße abgewandte Sitzfläche besagt: Was geht mich der lästige Autoverkehr an? Ich ruhe entspannt im Hier und Jetzt und meditiere über eine Hauswand. Immer noch besser, als den Autoposern zu suggerieren, ich befände mich nur hier, um ihre Protzparade abzunehmen. Wie schön, dass die Stadtplaner in Lampertheim auch an mein gesundheitliches Wohlergehen gedacht haben und ich den Benzinmief schnöde an meiner Rückseite vorüberziehen lassen kann.

Unterdessen hat der Schillerplatz endlich etwas Farbe bekommen. Das in die Jahre gekommene Pflaster, das an die steinerne Tristesse von öffentlichen Plätzen in sozialistischen Staaten erinnert, auf denen in verquaster Politromantik das Einssein das Volkes zelebriert wurde, ist an den Längsseiten mit einer Farbe gesprenkelt, über deren genaue Bezeichnung der Betrachter nur spekulieren kann. In jene pikante Orange-Braun-Ocker-Gelb-Mischung wurden nämlich die Umrandungen der Bäume getaucht. Später sollen wieder Bänke darauf installiert werden. Die grelle Farbe sticht seltsam gegenüber dem dunklen Braun-Grau der Schillerschule ab. Ganz apart nimmt sich in dieser Farbkulisse auch das Grün-Gelb der Bäume aus. Wenn in dieser illustren Szenerie nicht endlich ein Investor anbeißt, der das sozialistischen Anwandlungen allerdings unverdächtige Schiller-Café zum Laufen bringt, dann wissen wir auch nicht weiter.

Die Farbe der Bänke werde noch etwas nachdunkeln, heißt es auf Anfrage bei der Stadtverwaltung. Schade eigentlich. Womöglich haben wir es dann doch bald wieder Grau in Grau, welche bescheidenen Ergebnisse sich hinter dem Stadtumbau tarnen. Wir erklären Orange-Braun-Ocker-Gelb jedenfalls zur Modefarbe dieses Herbstes und freuen uns jetzt schon darauf, uns im Frühjahr in einer von Farben nur so schillernden Szenerie niederzulassen. Sitzenbleiben kann so schön sein!

Zum Thema
Das Wichtigste von heute
Newsticker Südhessen Ticker
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional