Lampertheim

Stargast Wilfried Neudecker lädt Fernsehkoch Ralf Zacherl in Lampertheimer Männerkochclub ein / Zum Dessert gibt’s Anekdoten aus gemeinsamer Zeit in TV-Show

Soßen-Willi hält Freundschaft am Köcheln

Archivartikel

LAMPERTHEIM.Einen Ausfallschritt nach rechts, einen ausweichenden Sprung nach links. Mit Spitzkohl in der einen und Pürierstab in der anderen Hand eilen die Köche in ihren weißen Schürzen im Slalom an dampfenden Töpfen und brutzelnden Pfannen vorbei. Dazwischen fliegen Anweisungen durch den Raum, denn „der Lammrücken muss jetzt rein!“ und „mit dem Lachs beginnen wir erst später!“. Die Anspannung in der Lehrküche der Goetheschule ist heute besonders groß, die Küche besonders voll. Kein Wunder, heute erwartet der Männerkochclub hohen Besuch: den Fernsehkoch Ralf Zacherl.

Zwischen Tür und Tatar

21 Hobbyköche und zwei Spülhilfen tummeln sich zwischen Herd und Backofen. „Normalerweise sind wir zehn Leute weniger“, schmunzelt Clubchef Bernd Müller. Mittlerweile verbreitet ein großer Topf voll schmorendem Fleisch würzigen Duft im ganzen Raum. Während flinke Finger mit rasendem Messerklackern Zwiebel hacken und der Kochlöffel durch die Lavendelsoße rührt, springt der Blick der Köche immer wieder zwischen Tatar und Tür hin und her.

Und dann kommt Kochclub-Mitglied Wilfried Neudecker endlich mit einem breiten Grinsen unter seinem grauen Schnurrbart durch die Tür. Und er kommt nicht allein. Im Schlepptau hat der Teilnehmer der Kochsendung „MasterChef“ seinen ehemaligen Juror und neuen Freund Ralf Zacherl. Der gebürtige Wertheimer ist einer der bekanntesten deutschen Köche, erhielt bereits mit 26 Jahren seinen ersten Michelin-Stern und flimmert wöchentlich auf zahlreichen Mattscheiben durch die heimischen Wohnzimmer. Ihm hat Neudecker den Spitznamen „SoßenWilli“ zu verdanken, aufgrund seiner herausragend gewürzten Soßen in der gemeinsamen Show. Bleiben kann der Fernsehkoch in Lampertheim nur eine Nacht, am nächsten Morgen stehen Dreharbeiten für die ARD-„Küchenschlacht“ in Hamburg an.

Das Fünf-Gänge-Menü am Abend kann er dennoch voll und ganz genießen, für die Lampertheimer Köche ist er nur „der Ralf“. Schaut er sich in der Küche um, dürfte ihn doch vieles zurück an das Teamkochen von „MasterChef“ erinnern – und Soßen-Willi könnte, wie so oft, glatt wieder Teamchef sein. Denn kaum da, flambiert er eine Crême brulée von der Entenstockleber, steckt den Finger in ein rosarotes Rinderfilet-Tatar, gibt trocken „Salz“ zu Protokoll und beantwortet gleichzeitig Fragen. Für den selbst ernannten Kochholiker kein Problem, nicht nach sieben Wochen TV-Show – da hat der Rentner aus Lampertheim ganz anderes erlebt.

„Das war Stress pur. Um neun Uhr morgens wurden wir abgeholt, dann den ganzen Tag kochen – oft mit spontanen Planänderungen. Gegen zehn Uhr abends waren wir erst wieder im Hotel, dann noch Kochschulungen und alle Rezepte niederschreiben“, berichtet der 67-Jährige. Dann springt er kurz an die Arbeitsfläche, kümmert sich ums Abschmecken.

„Die Teilnehmer werden da aus ihrem normalen Leben raus gerissen“, bestätigt Zacherl, „außerdem hält die ganze Zeit die Kamera drauf – und dann stellen Jurymitglieder wie ich auch noch so blöde Fragen“, sagt der Profi lachend. In einer solchen Drucksituation entwickle man sich entweder zum Deppen oder zum Helden, und zu Neudecker hat sich offensichtlich eine besonders freundschaftliche Beziehung entwickelt. An ihm schätzt der Starkoch nicht nur seine „Art zu kochen und die Liebe zu den Lebensmitteln“, sondern auch eine „hohe Sozialkompetenz“.

Die Stärken des Lampertheimers sind schnell ausgemacht, „Sensorik und Geschmack, ganz klar“, weiß der Rentner. Gelernt habe er das als „Kochtoppgucker“ bei seiner Mutter, die ihn gezielt mit Fragen wie „Welche Zutat fehlt hier noch?“ trainiert habe. Seine Leidenschaft Kochen habe ihm auch durch die dunkelsten Stunden nach dem Tod seiner Frau geholfen.

In der Zeit nach „MasterChef“ sei er in ein tiefes Loch gefallen. „In der Sendung habe ich mich gefühlt wie ein Filmstar, wir standen dauerhaft unter Strom. Dann kam der Druckabfall“, erzählt Neudecker. Jetzt hat er aber wieder Spaß am Kochen, das merkt man dem jung gebliebenen Herdkünstler an.

Dem Profi Zacherl bleibt bei so vielen Köchen nur die ungewohnte Zuschauerrolle, zurücklehnen und genießen ist das Motto. Aber dann juckt es doch in den Fingern: Beim Besuch eines Spargelbauern am Mittag hatte er von seiner ausgefallenen Hollandaise mit nussigem Knoblauchgeschmack erzählt – und wurde von Neudecker prompt zum Kochen überredet. Am Ende kochte der Profi dann also doch noch mit den Hobbyköchen – der Traum eines jeden Heimkochs. Den Traum vom eigenen, kleinen Restaurant hat Neudecker übrigens auch noch nicht aufgegeben, obwohl er in der Sendung knapp an den 100 000 Euro Preisgeld vorbei schrammte. Aktuell brutzelt er nicht nur im Kochclub, sondern auch in der Edinger Freiluftküche. Denn eigentlich möchte Soßen-Willi nur eines: kochen.

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