Lampertheim

Stadtentwicklung Gottlieb Ohl zur Situation beim Stadtmarketing und in der Innenstadt / „Kaiserstraße nicht mehr Flaniermeile Nummer 1“

„Wir sind noch in der Neuausrichtung“

Archivartikel

Lampertheim.Ein Tag im Januar, grau und trist. Wie sinnbildlich will es scheinen für den Anlass unseres Interviews mit Gottlieb Ohl, der als ehrenamtlicher Stadtrat für das Stadtmarketing zuständig ist: Wie geht es weiter in der Innenstadt, vor allem in der Kaiserstraße? Die sei längst nicht mehr die Flaniermeile Nummer 1 in Lampertheim, sagt Ohl. Dennoch will er sie beleben, um den Einzelhandel zu stützen. Noch in diesem Jahr würden die Menschen Ergebnisse sehen. Das Stadtmarketing befinde sich allerdings immer noch in der Neuausrichtung.

Herr Ohl, neues Jahr, neues Glück. Was sind die guten Vorsätze beim Stadtmarketing?

Gottlieb Ohl: Wir werden unser Konzept weiter umsetzen. Wir sind jetzt auf einem guten Weg, wir haben im letzten Jahr schon Einiges erreicht.

Was verbirgt sich hinter Einiges?

Ohl: Wir haben zum Beispiel etliche Leerstände in der Kaiserstraße beseitigen können.

Welche Leerstände sind beseitigt?

Ohl: Da, wo wir jetzt eingezogen sind: Domgasse 9. Und wenn Sie sich umschauen – es gibt bis auf den großen Leerstand Kaiserstraße 20, ehemals Tengelmann, keine leeren Ladenlokale mehr. Für die ehemalige Parfümerie sucht die Gebäudeeigentümerin einen Nachmieter. Ob und wann das klappt, da haben wir keinen Einfluss drauf. Wir können nur behilflich sein und vermitteln.

Wer sich umschaut, sieht vor allem Frisöre und Imbiss-Läden.

Ohl (lacht): Ja, wir könnten die Kaiserstraße auch wunderbar Beauty-Meile nennen. Die vielen Spielhallen gefallen mir aber nicht.

Lassen Sie uns die „Beauty-Meile“ als Stichwort nehmen, auch wenn das ironisch war: Macht sich das Stadtmarketing Gedanken über völlig neue Strategien abseits des Ziels, dem Einzelhandel wieder zu alter Vitalität zu verhelfen? Erörtern Sie Alternativen zum Gewerbe wie Wohnquartiere und Kultureinrichtungen?

Ohl: Ich bin Ihnen für die Frage sehr dankbar. Wir haben feststellen können, dass wir durch mehr Events in der Innenstadt mehr Belebung erreichen. Bestes Beispiel ist der französische Markt, den wir initiiert haben. Leider heißt es bei uns in Lampertheim zu Anfang immer ,das wird sowieso nichts’. Aber der Markt hat gebrummt.

Welches Ziel verfolgen Sie mit Events? Wollen Sie damit den Einzelhandel beleben?

Ohl: Das Ziel ist, die Voraussetzungen für die Belebung des Einzelhandels zu schaffen. Deshalb arbeiten wir auch ganz eng mit dem Innenstadtkreis zusammen. Da ziehen immer mehr Geschäftsleute mit.

Manche Geschäftsleute und Kunden sagen, außer Blumenkübel und Bänke zu erneuern, passiere nichts. Was sagen Sie dazu?

Ohl: Ich kann das verstehen. Es kommt oft nicht rüber, was wir erreichen.

Zurück zu den Bänken.

Ohl: Die Bänke sind nicht Sache des Stadtmarketings, die gehören zum Stadtumbau.

Ich spreche die Wahrnehmung der Menschen an. Was entgegnen Sie den Leuten?

Ohl: Dass es Aufgabe des Stadtmarketings ist, die Innenstadt zu beleben. So planen wir den After-Work-Markt, einen Markttag bis in den Abend. Das wird aber nur ein Erfolg, wenn die Geschäftsleute mitmachen und bereit sind, eine Stunde länger zu öffnen. Das Candlelight-Shopping oder das Sommernachts-Shopping etwa mausern sich doch langsam. Wir haben das Programm erweitert und den Spargeltaler mit eingebunden . . .

. . . Die Spargeltaler sind nicht gerade der Renner.

Ohl: Das Problem ist, das die Leute sie zu Hause liegen lassen und nicht sehen, dass das quasi Gutscheine sind . . .

. . . Wäre es nicht Aufgabe des Marketings, das deutlich zu machen?

Ohl: Das machen wir, da sind wir wirklich dran.

Herr Ohl, kommen wir doch zurück auf die große Richtung, nämlich eine strategische Neuausrichtung. Zum Beispiel Wohnquartiere, Ärztehaus, Kultur- und Freizeitangebote. Gibt es solche Gedanken beim Stadtmarketing?

Ohl: Ja, und zwar im Rahmen des Stadtumbaus. Wir müssen Wohnraum in der Innenstadt schaffen.

Das heißt auch in Erdgeschosslagen in der Kaiserstraße?

Ohl: Möglicherweise. Das hängt aber auch immer vom Eigentümer oder Investor ab. Selbstverständlich möchten die Leute den höchstmöglichen Ertrag aus ihrer Immobilie ziehen. Allerdings ist die Kaiserstraße allein nicht mehr die erste Flaniermeile in Lampertheim. Das hat sich in den Bereich Domgasse/Emilienstraße/Wilhelmstraße verlagert.

Bestätigt Ihre Feststellung nicht, dass es für die Kaiserstraße grundsätzlich eine neue Strategie braucht, statt den alten Einzelhandelsgedanken ständig weiter zu strapazieren?

Ohl: Das sind keine alten Einzelhandelsgedanken. Da muss ich Ihnen widersprechen. Gerade die jungen Betreiber dieser Läden, die sich jetzt mit dem Stadtmarketing sehr eng koordinieren, aber auch die älteren, die schon länger dabei sind, die haben ganz tolle Ideen. Diese Leute möchten einen Verbund schaffen, der die Kaiserstraße wieder zum Wohlfühlort macht. Unter anderem ist ein Gedanke, wieder mehr Cafés zu haben. Cafés laufen . . .

. . . Das Schillercafé läuft nicht.

Ohl: Das Schillercafé ist von Anfang an ein totgeborenes Kind gewesen – und zwar rein architektonisch. Das müsste man konzeptionell grundsätzlich neu aufziehen. Aber das ist nicht Sache des Stadtmarketings. Wir können nur Ideen mit einbringen. Umgesetzt werden muss es im Rahmen des Stadtumbaus.

Kommen wir wieder zurück auf den Einzelhandelsgedanken.

Ohl: Ich laufe in letzter Zeit oft durch die Kaiserstraße. Die Spielcasinos stören mich wirklich. Aber die Frisörläden stören mich nicht. Die gehören zum Angebot, sie werden ja auch gut besucht. Zur Flaniermeile gehört ja nicht nur der Bäcker, die Apotheke, der Juwelier oder der Optiker. Was wir erreichen müssen, ist, dass der Kunde in der Innenstadt verweilt, wenn er beim Frisör fertig ist. Da müssen wir dran. Und das können wir nur zusammen mit den Menschen und Akteuren in der Innenstadt. Hier gibt es viele gute Ideen, auch in der Politik, die langsam Gestalt annehmen.

Wie lange befindet das Stadtmarketing Lampertheim nun schon in dieser Phase des Probierens, in der immer wieder neue, gute Ideen langsam Gestalt annehmen?

Ohl: Am Probieren sind wir, die wir jetzt in der Verantwortung sind, seit etwa zwei Jahren. Stadtmarketing ist der Oberbegriff für Tourismus, für Wirtschaftsförderung, für Event- und City-Management. Ein solches Projekt – das ist mir klar geworden in den dreieinhalb Jahren, die ich mich jetzt damit beschäftige – ist eine Herkulesaufgabe. Wir mussten erst einmal die Herausforderungen definieren und dann darauf warten, was die Betroffenen dazu sagen.

2018 haben Sie eine umfassende Bedarfsanalyse mittels Passantenbefragung in der Innenstadt angekündigt. Was ist herausgekommen?

Ohl: Dass es zum Beispiel bei der Frage der Zufriedenheit mit der Innenstadt auf das Alter und die Verbundenheit der Menschen mit Lampertheim ankommt, ob sie von hier stammen, oder ob sie zugezogen sind.

Sind das neue Erkenntnisse?

Ohl: Nein, das wussten wir natürlich. Kritisiert wurde beispielsweise, dass es hier keine Bekleidungsgeschäfte für ältere Menschen gibt. Die haben wir nicht. Wir haben hier gar nichts mehr.

Haben Sie Horlé vergessen?

Ohl: Horlé ist die Perle in der Kaiserstraße, was den Bereich Bekleidung angeht.

Sie wurden 2018 vor dem Start der Bedarfsanalyse gefragt, wie zu reagieren sei, wenn die Befragten bestimmte Angebote forderten. Sie sagten, der Wirtschaftsförderer würde dann mit der Ansiedlung beauftragt. Wo sind die Ansiedlungen?

Ohl: Da fragen Sie besser, wo der Wirtschaftsförderer ist.

Sollten nicht besser Sie diese Frage beantworten?

Ohl: Doch. Wir haben erst im Haushalt dieses Jahres den Wirtschaftsförderer vorgesehen. Die Stelle wird jetzt schnellstmöglich ausgeschrieben. Wir sind gerade dabei, das Stadtmarketing neu zu justieren . . .

. . . Wieder einmal? Sagen Sie uns, wann wir welche Veränderungen in der Kaiserstraße sehen?

Ohl: Sie werden noch 2020 positive Verändererungen sehen. Sie werden mehr Events sehen. Sie werden erkennen, dass sich die Produktpalette ändert. Wir setzen alles daran, die Dinge aufzuarbeiten, die im letzten Jahr wegen personeller Probleme liegen geblieben sind, und wir wollen, dass jeder unserer Mitarbeiter den anderen vertreten kann. Diese Neuausrichtung ist mir sehr wichtig.

Das Stadtmarketing ist immer noch bei seiner Neuausrichtung?

Ohl: Ja. Ich habe gedacht, es ginge schneller.

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