Lampertheim

Gesichte Überaus nachdenkliche Worte beim Gedenken an den Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren

„Wo laden wir heute Schuld auf uns?“

Archivartikel

LAMPERTHEIM.„Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen!“ Mit diesen verdrehten Worten der Propaganda rechtfertigte Adolf Hitler am 1. September 1939 den völkerrechtswidrigen Überfall auf Polen. Mit dem deutschen Angriff auf die Westerplatte begann vor genau 80 Jahren der Zweite Weltkrieg. Terror, Zerstörung und Elend in ganz Europa und weit darüber hinaus waren die Folge – eines der größten Verbrechen und Katastrophen der Menschheitsgeschichte nahm vor 80 Jahren seinen Lauf.

„65 Millionen Menschen kamen im Zweiten Weltkrieg ums Leben, viele davon Zivilisten“, erinnerte Pfarrerin Sabine Sauerwein in einem Gedenkgottesdienst am Sonntagmorgen. Der ökumenische Gottesdienst markierte den Auftakt zur Veranstaltungsreihe „Erinnern und Gedenken“, welche die evangelische Lukasgemeinde gemeinsam mit dem Dekanat Bergstraße, der Stadt und den Aktiven des Bündnisses für Demokratie organisiert haben. Bis Anfang November sollen Ausstellungen, Gottesdienste, Vorträge oder Konzerte in der Domkirche oder dem Haus am Römer die Zerstörung und die Gräueltaten des Krieges ins Gedächtnis rufen.

Überlebende von Leid gezeichnet

Im Anschluss an die Worte der Geistlichen ertönten in der Domkirche 80 Jahre nach Ausbruch des Krieges die Glocken, und die Besucher erhoben sich in Gedenken der Opfer von ihren Plätzen. Ausgerechnet in der Kirche, die in Lampertheim mit ihren zerstörten Türmen lange als Symbol des Grauens stand. Neben den evangelischen Pfarrern Sabine Sauerwein und Sven Behnke wirkte auch der neue Pfarrer der katholischen St.-Andreas-Gemeinde mit. „Unser Leben währt 70 oder 80 Jahre“, sagte Sauerwein, „das war vielen Menschen damals nicht vergönnt“. Neben den getöteten Menschen gedachte die volle Kirche aber auch den Überlebenden, die von körperlichen und seelischen Verletzungen gezeichnet waren.

Als Kind oder Enkel der Kriegsgeneration stelle man sich heute die Frage: „Wie konnte das geschehen, wie hätte es verhindert werden können?“, so die Geistlichen. Sie lenkten den Blick aber auch in die Gegenwart – und ins eigene Haus. „Wo laden wir heute Schuld auf uns, wenn wir tatenlos bei Gewalt zusehen?“, fragte Sauerwein die Gemeinde. Ihr Kollege Behnke erinnerte daran, dass auch die Kirche nicht vom nationalsozialistischen Gedankengut verschont geblieben worden war. „Viel zu viele Worte auf der Kanzel waren von Hass und Rassismus geprägt, viel zu viele Prediger wählten verhängnisvolle Worte“, so Behnke. Symbolisch blieb die Kanzel deshalb leer.

Stattdessen lasen die Geistlichen Gedichte aus jener verhängnisvollen Zeit vor. Bürgermeister Gottfried Störmer und seine Amtskollegen aus Swidnica (Polen), Maldegem (Belgien), Adria (Italien) und Dieulouard (Frankreich) verlasen Fürbitten. Die Partnerstädte waren in Lampertheim in Gedenken des Kriegsbeginns zusammen gekommen, am Nachmittag wurden im Stadthaus noch Partnerschaftsmedaillen verliehen.

Kantorin Heike Ittmann an der Orgel und Musikschulleiter Joachim Sum an der Gitarre untermalten die Worte musikalisch. Neben dem Altar sitzend sorgte Sum für eine eindrücklich nachdenkliche Atmosphäre in der Kirche.

Unmittelbar nach dem Gottesdienst begaben sich Besucher und Veranstalter ins Haus am Römer, wo sie im Untergeschoss die thematisch anschließende Ausstellung „In der Wahrheit leben“ eröffneten. Die aus dem Schloss Kreisau (Polen) stammende Wanderausstellung macht für einige Wochen in der Spargelstadt Halt. Sie zeigt die Ideen und das Wirken einer dort versteckten Widerstandsgruppe um den Deutschen Helmuth James Graf von Moltke.

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