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Fußball Unter die Zuschauer des wohl letzten VfR-Heimspiels im Robert-Kölsch-Stadion vor dem Tribünenabriss mischen sich einige Nostalgiker

„Das muss man gesehen haben“

Archivartikel

Bürstadt.Im Robert-Kölsch-Stadion sind die Uhren schon lange stehen geblieben. Genauer gesagt: um 14:24 Uhr. Oder um 2:24 Uhr. Zweifelsfrei lässt sich das nicht mehr nachvollziehen. Doch wenn wir schon beim Thema Genauigkeit sind: Es geht nicht um stehengebliebene Uhren im übertragenen Sinne. Sondern um Bürstadts berühmtesten Chronographen: die VfR-Stadionuhr an der legendären Anzeigetafel, die es 2012 sogar auf das Cover des Fußballmagazins 11 Freunde geschafft hat. „99 Orte, die Fußballfans gesehen haben müssen“ lautet der Titel.

Einen dieser Sehnsuchtsorte wird es sehr bald nicht mehr geben, zumindest nicht in altbekannter Form. Die 1973 errichtete Haupttribüne des VfR-Stadions, das Prunkstück der früheren Zweitliga-Stätte, muss dem geplanten Bildungs- und Sportcampus weichen. „Ich gehe davon aus, dass es in der Woche nach Pfingsten passieren wird“, sagt Vorsitzender Klaus Gassert kurz vor dem Punktspiel gegen den SV Fürth – dem vorbehaltlich einer Relegationsteilnahme letzten VfR-Heimspiel, bevor „es“ so weit ist.

Auch wenn Stadionsprecher Marcus Armada die Zuschauer dazu einlädt, der Tribüne nach Abpfiff bei einem kühlen Getränk „die letzte Ehre zu erweisen“: Totengräberstimmung herrscht an diesem sonnigen Sonntag im einstigen Waldstadion keineswegs. Gesprächsthema Nummer eins ist die aktuelle sportliche Situation. Zwei Spieltage vor Rundenende ist der VfR punktgleich mit der FSG Riedrode. Wegen des direkten Vergleichs führt die Elf von Trainer Karl-Heinz Göbel die Kreisoberliga-Tabelle an. Die vom früheren Bürstädter Zweitliga-Verteidiger Ludwig Brenner trainierten Gäste belegen den rettenden 13. Platz – einen Punkt vor Anatolia Birkenau, das zeitgleich die FSG empfängt. Die Spiele werden nahezu identisch verlaufen: ein 0:0 zur Pause, dann ein 0:2-Rückstand, schließlich ein 3:2-Sieg für das Bürstädter Team.

An der Stadionkasse wird Richard Ruh knapp 150 Tickets loswerden. Das ist nicht erwähnenswert mehr als sonst. Die wohl letzte Chance, ein VfR-Spiel von der Tribüne aus zu verfolgen, zieht keinen großen Ansturm nach sich. Doch die Fürther schlagen mit auffällig vielen Anhängern auf. Fast alle machen es sich auf oder vor der Tribüne gemütlich. Der ein oder andere Blick auf das Stadiongelände wird per Schnappschuss festgehalten. Und die sonst so selbstverständlichen Schritte werden einem bewusster: Das soll das letzte Mal sein, dass man die Steintreppen zur Tribüne hinaufsteigt, auf den blauen Sitzschalen Platz nimmt?

Neben den Fürthern und dem VfR-Publikum – die wohl treuesten sitzen nicht auf der Tribüne, sondern auf der Terrasse vor der Vereinsgaststätte – kommen auch ein paar Groundhopper in die Nibelungenstraße: Fußballfans, die so viele Stadien wie möglich besuchen wollen. Jonas Schulte aus Frankfurt ist in doppelter Funktion vor Ort. Er betreibt die Seite „groundblogging.de“ und arbeitet für den Hessischen Rundfunk. Ehrenvorsitzender Franz-Josef Eitge, Profifußball-Zeitzeuge Brenner oder der langjährige VfR-Torwart Kevin Krezdorn, der nach Spielende den Ausblick von der Tribüne noch einmal in aller Ruhe genießt: Der 31-Jährige bekommt sie alle vor sein Mikrofon.

Schulte ist der Weg zum VfR vertraut. „Ich bin zum fünften Mal hier. Eigentlich kommen Groundhopper nur einmal vorbei, aber Bürstadt ist immer eine Reise wert“, findet er – und wähnt sich in guter Gesellschaft: „Einen Groundhopper aus Berlin habe ich getroffen, zwei sind aus Osnabrück angereist und mein Bruder ist aus Alfeld bei Hildesheim gekommen. Sogar einen Groundhopper aus England habe ich gesehen.“

Was Schulte an Bürstadt so fasziniert, ist genau das, was dem Stadion in Kürze zum Verhängnis wird: „Man hat das Gefühl, dass sich seit den großen Zeiten nicht viel getan hat. Das beginnt bei den Werbebanden und Zäunen und geht bei der Uhr und dem Gras auf den anderen Kurven des Stadions weiter. Da ist viel Originales dabei. Das muss man gesehen haben.“

Es ist diese rational oft schwer erklärbare Liebe, die Altbewährtem und in die Jahre Gekommenem eine fast magische Anziehungskraft verleiht – und viele auf Funktionalität getrimmte Produkte der heutigen Zeit lieblos und steril erscheinen lässt. Schulte nennt es „Grundschul-Turnhallencharme“. Und ergänzt lachend: „Wir Groundhopper sind Fantasten und Romantiker. Aber auch, wenn ich die Hintergründe nicht kenne: Es ist schade, dass man es nicht geschafft hat, die Tribüne in das neue Projekt zu integrieren.“

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