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Fußball Aufstiegshelden des VfR Bürstadt berichten vom Sprung in die zweithöchste deutsche Spielklasse im Jahr 1972

Erinnerungen an eine „ganz große Zeit“

Archivartikel

Bürstadt.Wer die Tradition des Fußballclubs spüren und den Hauch seiner glorreichen Geschichte atmen will, der braucht nicht in die Ferne zu schweifen. Das Gute liegt auch hier so nahe – beim VfR Bürstadt, immer donnerstagabends. Denn da treffen sich die Alten Herren des VfR zum Stammtisch in der Stadion-Gaststätte. Auch der VfR-Vorsitzender Klaus Gassert freut sich darüber, dass an solchen Abenden die geballte Fußballtradition im Robert-Kölsch-Stadion anzutreffen ist.

Wenn der 74 Jahre alte Gassert nicht ganz ohne Stolz erzählt, er habe 1972 mit seinem Siegtor im Spiel gegen TuS Mayen den Oberliga-Aufstieg für die Hockey-Herren von Wormatia Worms perfekt gemacht, so muss er neidlos zur Kenntnis nehmen, dass ebenfalls in jenem Jahr wenige Kilometer weiter östlich in der Sportart Fußball ein ganz großes Ausrufzeichen gesetzt wurde: Dem VfR Bürstadt gelang der Aufstieg in die Regionalliga Süd, der damals zweithöchsten deutschen Spielklasse. Und fortan durfte sich der 1910 gegründete Kleinstadt-Verein mit großen Clubs wie dem 1. FC Nürnberg, dem Karlsruher SC oder 1860 München messen – oder mit dem FC Augsburg mit Ex-Nationalspieler Helmut Haller.

Aber nicht nur Klaus Gassert ist diese Zeit in Erinnerung geblieben, sondern insbesondere auch Manfred Neuwinger (74), Karl-Heinz Humm (69) und Franz Ludwig (67). Die drei Aufstiegshelden von damals standen dem „Südhessen Morgen“ nun Rede und Antwort – und schwärmten von einer ganz großen Zeit, die für den VfR Bürstadt prägend war. Da durfte auch VfR-Ehrenvorsitzender Franz-Josef Eitge (72) nicht fehlen, der ebenfalls über die Geschichte des Vereins bestens Bescheid weiß und sie nachhaltig mitgestaltet hat.

Nur eine Saison-Niederlage

Wer die Größe des 1972er Triumphs so richtig verstehen will, der muss zumindest bis in das Jahr 1967 zurückgehen. Trainer Lothar Buchmann, gerade mit Alemannia Worms aus der 1. Amateurliga Südwest abgestiegen, heuerte beim VfR an, der ebenfalls gerade den Abstieg in die Viertklassigkeit in Kauf nehmen musste. Buchmann und der VfR Bürstadt, würde das gut gehen? In jedem Fall, denn nur ein Jahr später kehrte der Verein in die Hessenliga zurück. „Lothar Buchmann ist und bleibt eine ganz große Gallionsfigur beim VfR. Seine Bedeutung muss aber gerade im Zusammenhang mit Mäzen Robert Kölsch gesehen werden, der seine Spielerwünsche selten ablehnte“, hebt Franz Ludwig das Duo lobend hervor.

Dass es in der Saison 1971/72 noch eine Stufe höher ging, lag nicht zuletzt am herausragenden Bürstädter Saisonstart. Bei neun Siegen in Folge behielten die Schwarz-Weißen gegen Gegner wie den 1. FC Hochstadt, Rot-Weiß Frankfurt oder Borussia Fulda die Oberhand. Nun stand das Auswärtsspiel gegen Titelaspirant FSV Frankfurt an: Das 1:1 am gefürchteten Bornheimer Hang war ein ganz großer Meilenstein auf dem Weg zum Titel.

Als die Frankfurter am 18. März 1972 zum Rückspiel nach Bürstadt kamen, lief es für den VfR wieder wie geschmiert. Nach Treffern von Bertl Grieser (Elfmeter), dem zweifachen Torschützen Klaus Wolf und Klaus Nathmann hieß es am Ende 4:3 – die Vorentscheidung in Sachen Meisterschaft.

„Wir haben in dieser Saison nur ein Spiel verloren. Und das war das 0:1 im Flutlichtspiel beim SV Wiesbaden, als wir uns in der Schlussphase ein dummes Gegentor eingefangen haben“, erinnert sich Defensivakteur Karl-Heinz Humm, wie Ludwig ein Eigengewächs der Schwarz-Weißen.

Von nun an herrschte beim VfR große Euphorie. Massenweise säumten die Zuschauer aus Ried, Bergstraße und auch aus dem vorderen Odenwald das weite Stadionrund. Und sie brauchten ihr Kommen nicht zu bereuen. Beispielsweise am 2. April 1973, als der VfR dem Karlsruher SC, den er schon im Hinspiel bezwungen hatte, mit 4:1 vom Platz fegte und ihm somit die süddeutsche Meisterschaft verdarb.

So hätten die Partys in der Zweitklassigkeit eigentlich weitergehen können. Doch diesem Vorhaben machte der DFB einen Strich durch die Rechnung. Als er 1974 die Zweite Liga Süd als Unterbau zur Bundesliga installierte, blieb der VfR Bürstadt „wegen fehlender Traditionspunkte“ unberücksichtigt.

1981 erging es ihm nicht viel besser. Inzwischen in die Zweitklassigkeit zurückgekehrt, blieb er erneut außen vor, als die hohen Herren in der Verbandszentrale die neue eingleisige Zweite Liga zur Großstadtliga apostrophierten. Aber auch hier schaffte es der tapfere Verein, in diese Liga aufzusteigen und hätte in der Saison 1984/85 fast die Klasse gehalten. „Nach dem Abstieg haben wir mit aller Gewalt versucht, in Liga zwei zurückzukehren. Damit haben wir uns aber wirtschaftlich übernommen“, bedauert Franz-Josef Eitge, dass der sich damals abzeichnende Niedergang des Vereins nicht verhindert wurde.

Wehmut bei Neuwinger

Auch bei Manfred Neuwinger ist die Wehmut unüberhörbar: „Uns war allen damals bewusst, dass sich so ein kleiner Verein wie der VfR nur schwer in den oberen Etagen des Fußball halten würde. Doch irgendwie stimmt es mich traurig, dass unsere ganz große Zeit endgültig vorbei ist.“ hias

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