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Fußball Der portugiesische Weltstar debütierte erst 2001 in der U 15 – und fehlte somit beim Junioren-Länderspiel 1999 in Bürstadt

VfR-Stadion blieb Ronaldo verwehrt

Bürstadt.Die Gewissheit trägt Norbert Krezdorn mit Fassung. „Das wäre es gewesen“, sagt der Pressewart des VfR Bürstadt, als ihn diese Zeitung mit den Fakten konfrontiert: Beim U-15-Länderspiel zwischen Deutschland und Portugal im Bürstädter Robert-Kölsch-Stadion am 16. März 1999 stand Cristiano Ronaldo nicht im Kader der Südeuropäer. Worauf oder auf wen das Gerücht zurückgeht, weiß heute niemand mehr. Mag sein, dass Ronaldos Wechsel zu Manchester United 2003 oder die EM in Portugal 2004 ihren Teil beitrugen. Jedenfalls: Die Spekulationen um Ronaldos Anwesenheit waren irgendwann da – und sie hielten sich.

Doch darauf, Fakten zu schaffen, besann sich in den vergangenen 20 Jahren niemand. Auch die sonst so gut informierte Vereinsseele Krezdorn nicht. „Man schnappt so etwas auf, es macht die Runde“, räumt der langjährige Jugendleiter ein. Dass so ein Gerücht einen Charme mit sich trägt, will er gar nicht leugnen. Als Augenzeuge kann er indes nicht dienen. „Ich habe das Spiel wegen eines wichtigen Lehrgangs verpasst“, ärgert sich der 65-Jährige.

Volz und Lehmann im DFB-Team

Dabei wäre es einigermaßen einfach gewesen, für Klarheit zu sorgen – etwa, indem man einen Zeitzeugen befragt. Daniel Haas runzelt sofort die Stirn. „Das hätte mich gewundert. Ronaldo war nicht in meinem Jahrgang“, meint der damalige Stammtorwart der deutschen U 15, der 1983 geboren wurde – Ronaldo, Jahrgang 1985, war im März 1999 14 Jahre alt.

Haas, der später bei Hoffenheim, Union Berlin und zuletzt bei Erzgebirge Aue im Tor stand, ist ein gutes Gegenbeispiel für ein zweites Gerücht, das viele Bürstädter mit dem Länderspiel verbinden: nämlich dem, dass damals kaum Spieler auf dem Platz standen, die später bekannt wurden. Bis auf Ronaldo, versteht sich. Doch in der DFB-Verteidigung spielten Kapitän Moritz Volz (später FC Fulham, FC St. Pauli) und Matthias Lehmann, der zuletzt im Mittelfeld des 1. FC Köln die Fäden zog. Im Sturm lief Emmanuel Krontiris (später 1860 München, Aachen) auf. Cataldo Cozza wurde für ein interessantes Detail bekannt: Er ist ein in Deutschland aufgewachsener Cousin des italienischen Weltmeisters Gennaro Gattuso.

Aus südhessischer Sicht war Sebastian Kneißl das Gesprächsthema Nummer eins unter den Experten, die wie Klaus Schlappner oder Bernd Schulte auf den neuen blauen Sitzschalen Platz nahmen. Die Sitze hatte der VfR extra für das Länderspiel auf der Tribüne angebracht, die in der vergangenen Woche dem Erdboden gleichgemacht wurde. Der Odenwälder Kneißl war 1998 vom FC 07 Bensheim zu Eintracht Frankfurt gewechselt. Ein Jahr später wagte das Top-Talent den Sprung zum FC Chelsea. Doch der Durchbruch blieb dem gebürtigen Lindenfelser, der bei der KSG Mitlechtern anfing und heute als TV-Experte arbeitet, verwehrt.

Während die DFB-Pressestelle mit einem Bericht aus dem „Kicker“ vom 18. März 1999 Aufschluss über die deutsche Aufstellung beim 0:0 vor 6000 Zuschauern geben konnte, erwies sich der Weg zur Gästeformation als umständlicher. Weder dem VfR noch dem DFB liegen Unterlagen vor. Das Archiv der DFB-Homepage reicht nicht bis ins U-15-Spieljahr 1999 zurück.

„Möller auf dem Hartplatz“

Am Ende führt ein Zufallstreffer zum Erfolg. Der portugiesische Fußballverband (FPF) verfügt über ein Online-Archiv mit detaillierten Statistiken zu seinen Junioren- und A-Nationalteams – so auch zum Spiel in Bürstadt und zu Ronaldo. Demnach bestritt „CR7“ erst am 24. Februar 2001 sein erstes von neun U-15-Länderspielen. Von der U 15 Portugals, die in Bürstadt auflief, schaffte es Hugo Viana zum FC Valencia und sogar zur WM 2006 nach Deutschland. Bruno Vale kehrte 2018 nach Hessen zurück: als Stammtorhüter von Apollon Limassol und Gruppengegner von Eintracht Frankfurt in der Europa League.

Über Ronaldos Abwesenheit beim letzten sportlichen Großereignis in seinem Stadion wird der VfR hinwegkommen – so wie über vieles andere in diesen Tagen. „Auch ohne Ronaldo haben wir große Fußballer hier erlebt“, zählt Krezdorn den Augsburger Helmut Haller oder den Heppenheimer JürgenGroh auf, der über den VfR zum Europapokalsieger mit dem HSV aufstieg.

„Und Andi Möller haben wir auf den Hartplatz geschickt“, schmunzelt Krezdorn. Bitte was? „Ja, in der A-Jugend“, lacht er: „Unsere A-Jugend hat gegen die Eintracht gespielt, durfte aber nicht ins Stadion – also musste sie auf den Hartplatz ausweichen.“ Das hört sich nach der nächsten Recherche an . . .

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