Viernheim

Historie Idee zur Partnerschaft entsteht auf Zugfahrt / Aus mildtätiger Hilfe wird Zusammenarbeit / Ohne Spenden geht nichts

„Als wäre Satonévri nebenan“

Archivartikel

Viernheim.Endlose Zugfahrten, staubige Straßen, heillos überfüllte Busse. Tagelang reist der Viernheimer Bernhard Finkbeiner vor über 25 Jahren durch Afrika. Die Stadtverordnetenversammlung hat ihn nach Satonévri geschickt, mitten in den Busch von Burkina Faso im Westen Afrikas. Seine Aufgabe ist es, Frédéric Nignan zu finden – den Mann, der sich für seine Heimatgemeinde das Gleiche wünscht wie Viernheim: eine Städtepartnerschaft.

Kurz zuvor, im Jahr 1990, hat die Stadt nach langen Diskussionen beschlossen, eine solche Partnerschaft einzugehen. Nur, wie soll auf dem riesigen Kontinent Afrika eine passende Stadt gefunden werden? Am Ende entscheidet der Zufall. Auf einer Zugfahrt trifft der damalige Viernheimer Bürgermeister Norbert Hofmann seinen Amtskollegen aus Ladenburg. Der erzählt begeistert von seiner neuen Städtepartnerschaft mit einem Ort in Burkina Faso. Und er hat einen Kontakt für Hofmann: Frédéric Nignan.

Mit ihm zu kommunizieren, geht aber nur per Brief – oder persönlich am Ende einer langen Reise. In der Gemeinde Satonévri gibt es damals kein Telefon. Und auch sonst fehlt es an vielem. Finkbeiner, der die Armut vor Ort gesehen hat, will nach seiner Rückkehr aus Afrika nicht warten, bis die Städtepartnerschaft besiegelt ist. Voller Tatendrang gründet er den Afrikaclub, der später in Focus (Freundschaft, Offenheit, Cooperation, Unterstützung für Satonévri) umbenannt wird. In ersten Spendenaktionen wird Geld für den Bau von Brunnen gesammelt. „Das bürgerschaftliche Engagement begann so schon vor der eigentlichen Städtepartnerschaft“, erzählt Finkbeiner. 1994 ist es dann offiziell: Seitdem hängt die Partnerschaftsurkunde im Rathaus neben denen der anderen Partnerstädte Viernheims – eine von vielen, und doch etwas Besonderes.

„Mit den anderen Städtepartnerschaften bewegen wir uns im gleichen europäischen Kulturkreis. Trotz der Unterschiede gibt es sehr viele Gemeinsamkeiten“, erklärt Bürgermeister Matthias Baaß. „In Burkina Faso sind wir dagegen Partner einer Kommune auf einem anderen Kontinent, zudem in einem der wirtschaftlich ärmsten Länder der Welt. Der Unterschied zwischen Viernheim im hochentwickelten Deutschland und unserer Partnerstadt in einem Land, das von wirtschaftlicher Dynamik weit entfernt ist, ist drastisch.“ Diese Ungleichheit will Viernheim beenden, die Armut erst in Satonévri und seit 2017 in allen 32 Dörfern der Verbandsgemeinde Silly verringern.

„Anfangs wollten wir einfach helfen“, erzählt Focus-Vorsitzender Klaus Hofmann. Doch aus der mildtätigen Hilfe sei schnell etwas Besseres geworden: Zusammenarbeit auf Augenhöhe. „Die Ideen, wie man aus der Armut rauskommt, stammen meist aus unserer Partnergemeinde. Nur die Mittel fehlen. Und da kommen wir ins Spiel.“

Ein Euro pro Bürger

Um das Geld für den Bau von Brunnen oder Schulen aufzubringen, bittet der Verein Focus nach wie vor um Spenden. Fast verdoppelt werden diese jedes Jahr durch Zuschüsse des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), das – wenn es den von der Stadt Viernheim gestellten Antrag bewilligt – drei Jahre lang 90 Prozent der Kosten eines Projektes übernimmt. „Das ist aber nur eine Anschubfinanzierung. Um ein Großprojekt wie etwa unser Berufsbildungszentrum nachhaltig zu betreiben, brauchen wir Spenden“, erklärt Hofmann. Für Verlässlichkeit sorgt außerdem eine Viernheimer Besonderheit: 33 000 Euro, also einen Euro pro Einwohner, steckt die Stadt jährlich in Projekte in der Partnergemeinde. Mühsam spart der Bürgermeister diesen Betrag zusammen und will doch keinen Cent davon streichen.

„So lässt sich zukünftige Flüchtlingsnot verhindern“, ist Baaß überzeugt. „Es wird immer gefordert, die Bedingungen in den Herkunftsländern zu verbessern“, sagt er. „Viernheim macht das schon lange.“

Doch nicht nur die Menschen in Silly profitieren von der Partnerschaft. „Es ist auch für Viernheim eine Bereicherung“, sagt Baaß und verweist auf die häufigen gegenseitigen Besuche. „Dadurch ist es fast so, als wäre Satonévri der Ort nebenan.“ Noch enger rücken die Partnerkommunen jetzt durch den Klimawandel zusammen. „Beide Städte müssen sich dieser Herausforderung stellen“, sagt Baaß. Ein gemeinsames Großprojekt dazu hat gerade begonnen – und soll bis mindestens 2030 laufen. „Uns gehen die Ideen nicht aus“, sagt Focus-Vorsitzender Hofmann und lächelt. „Die Städtepartnerschaft wird uns alle überdauern.“

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