Viernheim

Menschen in Viernheim Oliver Eppel ist jüngster Sänger im Männergesangverein Liederkranz 1888 / Ausbildung zum Vizedirigenten

Applaus für einen Ausnahme-Kollegen

Archivartikel

Viernheim.Kurz vor Beginn der Chorprobe. Männer stehen um das Klavier. Lautes Lachen und Gespräche füllen die alte TSV-Halle. Stühle scharren über den Boden, Biergläser werden klappernd abgestellt. Nur einer ist ganz still: der Jüngste. Mit gerunzelter Stirn steht Oliver Eppel am Klavier und starrt auf ein Notenblatt. Mit einem Finger schlägt er die erste Taste an. Dann hebt er den Kopf. Bereit. Kurz darauf hallt der Abendfrieden von Schubert durch den Raum, von Eppels Händen aus 21 Kehlen hervorgezaubert. Nach dem letzten Ton herrscht kurz Stille. Dann applaudieren die Sänger. Wie sie es nur tun, wenn Eppel dirigiert. Weil er etwas Besonderes ist.

Oliver Eppel ist 27 Jahre alt. Seit rund vier Jahren singt er im Männergesangverein Liederkranz 1888. Das allein hat schon Seltenheitswert. Der nächstältere Sänger ist ungefähr doppelt so alt wie er. Die meisten anderen Mitglieder sind über 70. Neueintritte verzeichnet der Chor kaum. Aber viele Austritte. In den vergangenen vier Jahren habe sich die Gruppe der Sänger nahezu halbiert, sagt Eppel seufzend. „Ich war nicht mehr so oft auf Beerdigungen, seit ich Ministrant war.“

Anderen Gesangsvereinen ergehe es genauso. „Die Chöre schrumpfen“, hat er auf Wettbewerben beobachtet. Und: „Dort treffe ich niemanden in meinem Alter.“ Wie schwer es ist, Nachwuchs zu gewinnen, hat Eppel schon selbst gemerkt. Keiner seiner Freunde ließ sich zum Singen überreden. Eppel singt trotzdem weiter. „Mit 15 war mir das Singen peinlich. Aber heute stehe ich voll dahinter.“

Das ist zum einen so, weil er einfach gerne singt. Seit er sechs Jahre alt war, ist Eppel im Kirchenchor St. Hildegard-St. Michael. Erst in der Kindergruppe, heute im großen Chor. Außerdem singt er als zweiter Bass beim Liederkranz, auf den ihn ein Bekannter aufmerksam machte, und in einem weiteren Chor, den die Liederkranz-Dirigentin Edith Schmitt leitet. Das bedeutet bis zu drei Proben pro Woche. Viel – aber nicht zu viel, sagt Eppel.

Zum anderen gefällt ihm die Geselligkeit rund um den Männerchor. Das „Nachsitzen“, wie der 26-Jährige es nennt, nach der Probe, wenn in der TSV-Gaststätte Bier getrunken, Kartenspiele gespielt und Witze erzählt werden. „Das ist manchmal ganz schön derb“, erzählt Eppel und lacht. „Aber ich kann damit umgehen.“

Auch bei den Vereinsfesten macht er gern mit. Als Verkaufsmetzger kann er beim Wellfleisch-Essen naturgemäß gut mit anpacken. Und dann ist da noch etwas, das ihn bei dem Männerchor hält: das Gefühl, eine Tradition zu bewahren. „Früher gab es nicht so viele Freizeitbeschäftigungen. Da ist man halt singen gegangen“, meint er. „Heute gibt es so viele Hobbys, da ist alles möglich. Die Chöre gehen verloren.“ An Eppel liegt das aber nicht.

Seit März ist er im Vorstand des Liederkranzes. Und seit April ist er Vizedirigent. „Das war für mich eine Herausforderung“, sagt Eppel. „Ich dachte mir, vielleicht kann ich dadurch noch besser singen lernen.“ Da die offiziellen Vizedirigenten-Seminare samstags stattfinden, er da aber arbeiten muss, hat ihn Chor-Dirigentin Schmitt selbst ausgebildet. Zwei Monate lang, immer eine halbe Stunde vor der Probe am Montag, arbeiteten sich die beiden durch einen dicken Ordner voller Dirigentenwissen. Darin stand zum Beispiel, wie dem Chor Töne angegeben und wie die Hände beim Dirigieren bewegt werden müssen. „Das mit den Händen ist mir schwergefallen“, sagt Eppel. Etwas anderes kam dagegen genauso wie erhofft: „Vieles ist mir leichtgefallen, weil ich früher E-Orgel gespielt habe und dadurch Noten lesen kann. Außerdem hatte ich schon im Schulunterricht Musiktheorie.“ Und noch eine Erwartung ist eingetroffen: „Ich singe jetzt wirklich anders, weil ich alle Stimmen kenne und die Stücke dadurch besser verstehe.“

Genau eingelesen

Als Vizedirigent ist es seine Aufgabe, Schmitt gegebenenfalls bei kleineren Auftritten zu vertreten. Allerdings nur für Stücke, in die er sich genau eingelesen und die der Chor bereits fertig einstudiert hat. Mehr will Eppel auch gar nicht. Obwohl seine Dirigentin schwärmt: „Er macht das toll. Olli hat ein gutes Rhythmusgefühl und viele musikalische Vorkenntnisse.“

Ob er einmal selbst hauptberuflich Dirigent werden will? Eppel winkt ab. „Es soll für mich Spaß bleiben.“ Vor allem eines genieße er am Dirigieren: „Als Sänger bekomme ich nur mit, was direkt neben mir gesungen wird. Von vorne höre ich den ganzen Chor.“ Auch wenn er das anfangs vor Aufregung kaum auskosten konnte. Mittlerweile sind seine Handbewegungen routiniert. Genau wie der Applaus, der darauf folgt. „Langsam wird es mir peinlich“, sagt Eppel lachend. Aber seine Mitsänger halten stur an der Ausnahme fest – für ihren Ausnahme-Kollegen.

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