Viernheim

Menschen in Viernheim Abokor Deek Osman ist in der Schule genauso engagiert wie im Sport / Der 13-jährige Flüchtling aus Somalia hat sich hohe Ziele gesetzt

Auf der Überholspur zur Integration

Viernheim.„Früher waren meine Freunde viel schneller als ich“, erinnert sich Abokor Deek Osman ein paar Jahre zurück. „Ich war dick als Fünfjähriger und kam den anderen Kindern beim Spielen nie richtig hinterher. Dann bin ich jeden Tag gerannt, überall hin, bis ich schneller war als sie“, sagt der 13-Jährige und grinst. Zielstrebig, das sei er schon immer gewesen.

Einen richtigen Verein, mit Trainern und Laufbahn, habe es in seinem kleinen Heimatort Adale in Somalia aber nicht gegeben. Umso erstaunlicher ist es, dass der junge Flüchtling aus Ost-Afrika in seiner kurzen Zeit beim Turnverein 1893 Viernheim schon auf einige Siege zurückblicken kann (wir berichteten mehrfach). Im Sprint und auf der Strecke über 800 Meter läuft dem talentierten Leichtathleten so schnell keiner davon. Nur das Fußballspielen in der C-Jugend des TSV Amicitia „macht mir noch ein kleines bisschen mehr Spaß“.

Montags, mittwochs, donnerstags und freitags trainiert Abokor – mittwochs sogar gleich doppelt. „An dem Tag ist erst die Fußball-AG in der Schule und nachmittags kicken wir im Waldstadion“, erzählt der Sportbegeisterte. Und am Dienstag? „Da habe ich dann Zeit zum Lernen für den Unterricht“, verrät der Siebtklässler und rückt die runde Brille auf seiner Nase zurecht.

Sein Deutsch ist sehr gut, wenn man bedenkt, dass der Jugendliche mit seiner Mutter und den vier Geschwistern erst 2017 nach Viernheim kam. „Ich muss doch mit den Menschen hier, mit meinen Freunden, sprechen können“, kommentiert Abokor das Kompliment ganz nüchtern.

In der Intensivklasse der Friedrich-Fröbel-Schule verbrachte er nur ein Jahr. Dann war sein Deutsch gut genug, um am normalen Unterricht teilnehmen zu können, berichtet Claus Bunte von der Jugendförderung im Gespräch mit dem „Südhessen Morgen“. „Er lernt sehr schnell und hat sich super in die Klassengemeinschaft eingefügt.“ Für Beate Helmes, Leiterin des Stadtteilbüros West, ist Abokor „ein Musterbeispiel für gelungene Integration“. Denn er nutze quasi alle Förderangebote, nehme an den Ferienprogrammen mit Museums- und Theaterbesuchen in der Region teil „und ist immer interessiert“.

Durch den Sport und den Kontakt zu Gleichaltrigen in seiner Freizeit habe sich sein Vokabular nochmals deutlich vergrößert. „Abokor hat erkannt, wie wichtig es ist, seine Chancen zu nutzen und sich zu integrieren“, betont Helmes. Begonnen hat seine sportliche Erfolgsgeschichte jedoch mit einem Zufall.

Hilfsbereite Nachbarin

„Wir haben eine sehr nette Nachbarin, die uns am Anfang in Viernheim viel gezeigt hat“, erklärt Abokor. Sie fragte er auch Ende April 2018, was denn da aufgebaut werde in der Innenstadt, mit den vielen Absperrungen und bunten Bannern. „Da habe ich das erste Mal vom Citylauf gehört.“ Spontan meldete er sich mit der Unterstützung seiner Nachbarin noch am selben Tag an und wurde auf Anhieb Zweiter in der Altersklasse U14. Beim Wettkampf in diesem Jahr verbesserte er seine Zeit um fast 40 Sekunden und kam auf der 1600 Meter langen Strecke nach nur 5:23 Minuten ins Ziel.

Durch diesen Sieg wurde der Turnverein 1893 Viernheim auf den talentierten Jungen aus der somalischen Küstenstadt aufmerksam, lud ihn sofort zum Schnuppertraining ein. In den wenigen Monaten seit seinem Beitritt holte Abokor mehrere Goldmedaillen bei lokalen Wettkämpfen und gewann auch den Lauf im Vorprogramm der Junioren-Gala der MTG Mannheim. An seine persönliche Bestzeit von 2:15,68 Minuten auf der doppelten Stadionrunde kam keiner der anderen Sportler seiner Altersklasse bei dem internationalen Turnier für junge und aufstrebende Leichtathleten an. „Ich versuche immer nach der ersten Runde auf Platz zwei zu sein, und lege dann auf den letzten 150 Metern noch mal einen Sprint hin“, verrät der Nachwuchsläufer seine Taktik.

Am liebsten würde Abokor später aber Fußball-Profi werden, will sich in dieser Saison „im Sturm und auf der linken Seite“ richtig ins Zeug legen. „Mein großes Vorbild ist Pelé, der hat über 1000 Tore in seiner Karriere gemacht“, sagt Abokor bewundernd. Es sei immer gut, sich hohe Ziele zu setzen.

Aber auch wenn es nicht klappt mit dem Sprung in die Bundesliga, „bin ich glücklich hier in Deutschland“, sagt Abokor. „Das Tollste an Viernheim sind die Menschen, die immer freundlich, hilfsbereit und respektvoll zu mir waren.“

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