Viernheim

Reichspogromnacht Viernheim erinnert an Übergriffe auf Juden / Schweigeminute am Denkmal der Bücherverbrennung

Aufruf zu religiöser Toleranz

Viernheim.„Wir sollten nicht nur lamentieren und gedenken, vielmehr sollten wir uns fragen, was jeder von uns zu tun gedenkt, damit sich die Verfolgung und Diskriminierung jüdischer Mitbürger in Deutschland nie mehr wiederholen“, sagte Yuval Lapide. Bei einer Gedenkstunde anlässlich des Jahrestags des Reichspogroms von 1938 sprach der Religionswissenschaftler über den Umgang jüdischer Holocaustüberlebender mit ihrem Schicksal und ermutigte die Gäste in der Kulturscheune zu stärkerem Einsatz für interreligiöse Toleranz. Drei Schülerinnen der Alexander-von-Humboldt-Schule berichteten außerdem von persönlichen Schicksalen verfolgter Juden in Viernheim.

Auch 81 Jahre nach den Ereignissen der Reichspogromnacht und der daran anschließenden Verfolgung und Internierung von Juden in Konzentrationslagern bleiben Antisemitismus und Rechtsextremismus in Deutschland ein Problem. So erinnerte Mykhaylo Kotlyarsky als Vorsitzender des jüdischen Religions- und Kulturvereins Schalom in seiner Ansprache an die Gewalttat in Halle an der Saale, bei der kürzlich ein Attentäter eine Synagoge zu stürmen versuchte und dabei zwei Menschen tötete und mehrere verletzte.

Der jüdische Religionswissenschaftler Lapide wurde in Jerusalem geboren und wuchs in Israel auf. Seine Eltern waren 1938 nach Palästina geflohen. Der Vater stammte aus Wien, die Mutter aus dem Frankenland, und die beiden lernten sich in Haifa als Geflüchtete kennen. Lapide bezeichnet sich selbst als „Produkt der Barbarei“, da die Verfolgung und die Flucht der Eltern sein Leben unmittelbar geprägt hatten.

So sei jüdisches Leben schon seit jeher von Bewegung und ständigen Ortswechseln geprägt gewesen. Gemäß der biblischen Überlieferung verließ einst Abraham auf Gottes Geheiß seine Heimat, so der Wissenschaftler. Im Zuge der Judenverfolgung sei bei vielen jüdischen Geflüchteten eine Bikulturalität entstanden: So sei Lapide selbst Deutscher und Israeli und fühle sich beiden Nationalitäten und Identitäten gleichermaßen verbunden. Im Alter von 13 Jahren war er damals an der Seite seiner Eltern nach Deutschland zurückgekehrt.

„Viele Juden haben sich nach dem Ende der Schreckensherrschaft gefragt: Wozu lässt Gott uns dieses Infernale überleben?“, berichtete Lapide. Als Antwort auf diese Frage hätten die geflüchteten Juden verstreut an vielen Orten in der Welt Erstaunliches geleistet.

So hätten die nach Israel geflüchteten Menschen dort einen neuen Staat aufgebaut. Die Verfolgten hätten sich damals geschworen, etwas aus ihrem Schicksal zu machen. Dies solle bei aller Trauer um die vielen Opfer der Verfolgung nicht vergessen werden.

Persönliche Schicksale

Die Schülerinnen Aurora Audija, Viviane Hettig und Jennifer Large stellten den Gästen in der Kulturscheune die persönlichen Schicksale einiger Viernheimer vor, die während der NS-Zeit verfolgt wurden. Gemeinsam mit Geschichtslehrer Timm Clausen und Stadthistorikerin Gisela Wittemann erarbeiteten die Schülerinnen der Alexander-von-Humboldt-Schule die Schicksale der Bürger im Rahmen der Aktion „Stolpersteine“. So erinnert heute etwa die Dina-Weißmann-Allee im Bannholzgraben an eine jüdische Tabakproduzentin, welche von Viernheim aus im Jahre 1940 in das Vernichtungslager im südfranzösischen Gurs verschleppt wurde. Wenig später kam Dina Weißmann dort ums Leben.

Die Gedenkstunde zum Reichspogrom endete mit einer Schweigeminute vor dem Denkmal zur Bücherverbrennung an der Stadtbücherei. Musikalisch begleitete das Klezmer-Trio der Alexander-von-Humboldt-Schule mit den Lehrern Reinhard Pleil (Gitarre), Anne Andresen (Violine) und Schülerin Tatjana Hofmann (Blockflöte) die Veranstaltung und verlieh der Gedenkstunde einen würdigen Rahmen.

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