Viernheim

Gesellschaft I Auftakt der interkulturellen Thementage „Zusammenhalt in Vielfalt“ / Dialog als Treibstoff für Integration

Brücken zu den Menschen

Archivartikel

Viernheim.Die Woche „Zusammenhalt in Vielfalt“ soll dazu beitragen, dass aus dem Nebeneinander der Menschen in Viernheim ein Miteinander entsteht. Nicht nebeneinander, sondern miteinander ist die Kernbotschaft einer Gesprächsrunde. Zum Auftakt dieser interkulturellen Thementage kommen diejenigen zu Wort, die sich mit Zusammenleben, Integration und Teilhabe in Viernheim beschäftigen.

Moderator Gerhard Mandel begrüßt Bürgermeister Matthias Baaß, Pfarrer Angelo Stipinovich, Kibreab „Kebi“ Habtemichael (Helping Hands), Muzaffer Karagöz (Ausländerbeiratsvorsitzender) und Dr. Brigitta Eckert (Verein Lernmobil) zu der Talkrunde in der Kulturscheune. Die Gesprächspartner berichten von ihren Aufgaben, den Eindrücken und Gefühlen, aber auch von Schwierigkeiten des Zusammenlebens.

Dazu gehört auch ein kurzer Rückblick auf den Höhepunkt des Flüchtlingszustroms. „Das ist alles glatt gegangen“, kann Baaß im Nachgang sagen: „250 Viernheimer und 250 Heddesheimer in einer Notunterkunft hätten auch mal Streit bekommen.“ Pfarrer Stipinovich pflichtet ihm bei: „Ich würde alles wieder genauso machen und die Kirchen öffnen für einen anderen Zweck, der genauso ein Gottes-Dienst ist.“

Kritik: Verbindliche Regeln fehlen

Allerdings, das bemängeln Bürgermeister und Pfarrer, fehlte es damals wie heute an verbindlichen Regeln. Das bestätigt Eckert. So sei die Teilnahme an Sprachkursen nicht verpflichtend. Dennoch sei ein solcher Kurs wichtig für den Integrationsprozess. „Wir bieten diese Brücke zu den Menschen an, und das Angebot wird genutzt“, erklärt Lernmobil-Geschäftsführerin Brigitta Eckert hingegen und weist darauf hin, dass Sprache nur ein Baustein ist: „Wer über die Brücke geht, muss die Anforderungen auf der anderen Seite auch annehmen.“ Integration sei ein Geben und Nehmen.

Kibreab Habtemichael betont, wie wichtig Bildung für die Integration und das Zusammenleben sei. Eigene Erfahrungen, Erlebnisse und auch das Nachfragen bildeten Menschen weiter. Aber gerade der Dialog, andere zu fragen und sich Dinge erklären zu lassen, fehle in der Gesellschaft. „Dabei ist es doch so simpel, nach einfachsten Informationen zu fragen: Wann ist Ramadan oder wie wird das Zuckerfest gefeiert?“, meint Pfarrer Stipinovich. Über die jeweils andere Kultur werde zu wenig gewusst.

Die elementaren Fragen des Lebens seien in jeder Religion gleich: „Aber die Antworten sehen in jeder Kultur anders aus.“ Man dürfe nicht annehmen, seine eigene Religion sei die einzig wahre, sondern müsse den Blick auch für andere Glaubensarten öffnen. „Sonst funktioniert’s nicht“, ist der Priester überzeugt. Muzaffer Karagöz als in Deutschland geborener Türke ist in diesen Dialog eingetreten. „Ich gehe auch als Muslim auf den Weihnachtsmarkt“, betont er. Wer sich wirklich integrieren wolle, der finde seinen Weg. Eine Möglichkeit sei es, sich bürgerschaftlich zu engagieren. Das versucht der Ausländerbeiratsvorsitzende vorzuleben und auch den Kindern nahezubringen, die er als Fußballtrainer betreut: „Beim Fußball gibt es keine großen Unterschiede. Auch ein syrisches Kind jubelt wie Ronaldo, wenn er ein Tor schießt.“

Möglichkeiten zum Dialog gibt es bei der interkulturellen Woche „Zusammenhalt in Vielfalt“ (nebenstehender Überblick). Bürgermeister Matthias Baaß schildert eine solche Begegnung. Auf dem Fußballplatz sei er mit einem Geflüchteten ins Gespräch gekommen. Der junge Mann habe erzählt, dass er früher gern Fußball gespielt habe. „Ich habe ihn gefragt, warum er denn nicht in einem Viernheimer Verein gehe“, erinnert sich Baaß – und an die bemerkenswerte Antwort des Flüchtlings: Er arbeite den ganzen Tag in einer Viernheimer Firma, abends müsse er Deutschkurse besuchen.

Baaß: „Das ist eine Wirklichkeit in Viernheim, die nicht mit dem zu tun hat, was uns so oft im Fernsehen gezeigt wird.“

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