Viernheim

Porträt Fritz Stier vom Kunstverein bringt seit fast 20 Jahren Gegenwartskunst nach Viernheim / Guter Ruf reicht bis nach Berlin

„Da kriege ich Gänsehaut“

Viernheim.Der Anfang ist schwer. Das Geld ist knapp, der Raum begrenzt und die Viernheimer sind scheu. Aber Fritz Stier gibt nicht auf. Der Künstler will zeitgenössische Kunst nach Viernheim bringen. „Nicht, um dort alles durcheinanderzuwirbeln“, sagt der 67-Jährige und schüttelt nachdrücklich den Kopf.

„Ich möchte einfach nur andere an dem teilhaben lassen, was Kunst mir gegeben hat.“ Neue Ansichten zum Beispiel und spannende Gespräche. Seit fast 20 Jahren arbeitet Stier nun schon in Viernheim an diesem Ziel. Ob er es erreicht hat? Er wiegt nachdenklich den Kopf hin und her.

Ende der 90er Jahre zieht Stier von Mannheim nach Viernheim. „Herrlich grün und ruhig“, findet er es in seinem neuen Zuhause. Er fühlt sich wohl. Nur eines fehlt dem preisgekrönten Video-Künstler und Kunstvermittler an seinem neuen Wohnort: Gegenwartskunst. „Was es gab, war eher konventionell“, erinnert er sich. Ein paar neue Impulse, denkt er, könnten der Stadt nicht schaden. Der Künstler macht sich ans Werk. Im Jahr 1999 gründet Stier den Kunstverein, der erst in der Hügelstraße, seit 2006 dann im Kunsthaus vier bis fünf Ausstellungen pro Jahr organisiert.

Künstler aus aller Welt zeigen seitdem hier ihre Werke. Der Viernheimer Verein ist längst in der überregionalen Kunstwelt bekannt. „Eines Tages stand ein bekannter Berliner Kunstkritiker vor der Tür und meinte, er habe in Berlin schon viel von uns gehört“, erzählt Stier.

Und noch andere Leute stehen vor der Tür: Künstler, die ausstellen wollen. Und zwar jede Menge. „Wir könnten 50 Ausstellungen im Jahr machen“, sagt er.

Zu den Vernissagen kommen Besucher von weit her. Nur Viernheimer sind nicht viele darunter. „Anfangs habe ich einen richtigen Widerstand gegen die Ausstellungen gespürt“, erinnert sich Stier.

Seit er zeitgenössische mit konventioneller Kunst abwechselt, habe sich das zwar gelegt. „Aber viele Leute trauen sich immer noch nicht herein, weil sie denken, sie verstehen nicht genug von Kunst“, weiß der Künstler. Dabei brauche es das gar nicht. „Ich habe die besten Erfahrungen mit Menschen gemacht, die keine Ahnung von Kunst haben.“

Wie zum Beispiel das Mädchen, das eine Stunde lang schweigend durch das Kunsthaus wandert. Stier macht sich Sorgen, was in ihrem Kopf vorgeht - bis sie am nächsten Tag mit einer Freundin wiederkommt. „Was sie ihr über die Ausstellung erzählt hat, was sie alles darin gesehen hat – großartig!“, schwärmt er. Oder die 94-jährige Frau, die ihm erklärt, sie sei noch nie im Leben in einem Museum oder einer Galerie gewesen. Sie schaut sich das Video eines brennenden Tigers so lange an, dass ihm angst und bange vor ihrer Reaktion wird. „Aber dann dreht sie sich um und ruft: Das ist so toll!“ Der Künstler strahlt bei der Erinnerung. Lange habe er mit der Frau geredet, über Kunst und die Welt. „Das sind Momente, da kriege ich Gänsehaut. Da weiß ich, die ganze Arbeit lohnt sich doch!“

Arbeit begeistert ihn

Aber es ist eben auch Arbeit. „Es macht Spaß, es begeistert mich“, sagt Stier und lacht kurz auf. „Aber es ist auch sehr viel. Manchmal erschreckt es mich, was ich da an Detailarbeit losgetreten habe.“

Immerhin hat der 67-Jährige gleich drei Ehrenämter inne: Er ist künstlerischer Leiter des Kunsthauses sowie Ausstellungsleiter und Vorsitzender des Kunstvereins. Ganz nebenbei arbeitet er selbst als Künstler, dreht Videos, bearbeitet das Material in seinem Atelier und bereitet eigene Ausstellungen vor. Mittlerweile ist Stier zurück nach Mannheim gezogen, fährt aber oft nach Viernheim, um den Aufbau von Ausstellungen zu betreuen, Vernissagen zu eröffnen oder Verwaltungsarbeit zu erledigen. Seit er wegen Multipler Sklerose im Rollstuhl sitzt, ist das schwieriger geworden. Manchmal denkt er darüber nach, wie lange er das alles noch stemmen kann. „Nur finde ich keinen Nachfolger. Wenn ich aufhöre, würde es heißen: Oh, wie schade und das war’s. Das ist das Drama.“

Also macht Stier weiter, immer noch das Ziel vor Augen, den Viernheimern zeitgenössische Kunst zu zeigen. Auch wenn die längst nicht mehr so revolutionär sei wie einst, findet Stier. „Kunst hat sich normalisiert“, meint er kritisch.

„Aber wenn ein mutiger Künstler bei mir anklopft, der mit seiner Kunst ein Zeichen setzt – dafür würde ich das Kunsthaus sofort zur Verfügung stellen.“ Und damit die Viernheimer neugierig machen, hofft Stier. Er hat noch lange nicht aufgegeben.

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