Viernheim

Serie Selbsthilfegruppen Krebs-Patientinnen berichten von Zurückweisung / Ungewissheit über Wiederauftreten der Krankheit / Gemeinsame Freizeitgestaltung

„Der Gedanke an den Tod gehört dazu“

Viernheim.„Erkrankte Männer können zu Hause mit ihren Frauen über den Krebs reden. Wenn Frauen daran erkranken, ziehen sich die Männer dagegen oft zurück“, erklärt Waltraud Klose. „Die Frauen reden dann hier“, fügt Brigitta Sauer hinzu. Sie und Klose leiten die Selbsthilfegruppe „Leben mit und nach Krebs“. Diese ist zwar eigentlich offen für beide Geschlechter und über die Jahre gab es auch immer wieder männliche Teilnehmer. An diesem Abend sind aber, wie so oft, nur Frauen zu dem Treffen ins Familienbildungswerk gekommen.

Klose ist seit 1999 in der Selbsthilfegruppe. Damals wurde bei der heute 72-Jährigen ein Karzinom in einer Niere festgestellt. Noch dreimal traten über die Jahre Neuerkrankungen bei ihr auf. Ihr Mann habe sie während der Zeit ihrer Krankheit immer unterstützt, so Klose. Inzwischen befindet sie sich im „Zustand nach Krebs“, das heißt, die aktive Behandlung ist abgeschlossen und seitdem wurde kein neuer Krebs bei ihr festgestellt.

Auch Sauer bekam Unterstützung von ihrem Mann, nachdem 1991 Darmkrebs bei ihr diagnostiziert wurde. Sie wurde zwar wieder gesund, aber später erkrankte ihr Mann selbst an Krebs. Daraufhin kümmerte sich die heute 76-Jährige bis zu seinem Tod noch zehn Jahre um ihn.

Vor allem Frauen hätten jedoch häufig nicht das Glück, dass ihr Partner nach der Diagnose zu ihnen steht und sich um sie kümmert, bedauert Klose. Sie erzählt von einem Fall, in dem eine Frau zum Vorgespräch für eine Krebsoperation ging. Als die Frau zurück in die Wohnung kam, die sie bis dahin mit ihrem Freund geteilt hatte, fand sie nur noch dessen Schlüssel auf dem Tisch vor. Eine Teilnehmerin, die an diesem Abend zum ersten Mal zu einem Treffen der Gruppe gekommen ist, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Ihr kommen die Tränen, als sie berichtet, dass ihr Mann, mit dem sie jahrzehntelang verheiratet gewesen war, sich nach ihrer Brustkrebsdiagnose von ihr trennte.

„Generell wird bei den Treffen aber mehr gelacht als geweint“, betont Sauer. Und das ist auch an diesem Abend so, an dem alle bei Tee und Gebäck zusammensitzen. Eine Frau erzählt zum Beispiel von ihrem Urenkel und wie sehr es sie freue, trotz Brustkrebs noch viel Zeit mit ihm verbringen zu können.

Angehörige informieren sich

„Wir geben keine medizinische Beratung“, betont Klose. „Wir tauschen uns aber über unsere Erfahrungen mit der Krankheit aus.“ Dazu gehört auch, dass sich die Teilnehmer bestimmte Ärzte oder Behandlungsmethoden empfehlen. Von Zeit zu Zeit lädt die Gruppe auch Referenten ein. Diese machen mit den Teilnehmern dann zum Beispiel Bewegungsübungen oder sprechen über Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen.

Bis zu 15 Teilnehmer kommen in der Regel zu den Treffen. Ihr Alter reicht von Ende 50 bis über 90. In der Regel sind oder waren alle selbst an Krebs erkrankt. Manchmal kommen aber auch Angehörige, um sich zu informieren. Klose berichtet etwa von der Mutter eines jungen Mannes, der zu schwach war, um selbst vorbeizukommen, und der dann mit etwa 30 Jahren starb. Sauer erzählt, dass Erkrankte manchmal auch bei ihr anrufen. Dann kann es passieren, dass sie zwei Stunden am Telefon verbringt. „Reden ist auch eine Therapie“, sagt sie.

Oft ist die Selbsthilfegruppe für die Teilnehmer aber ein Ort, an dem sie gerade nicht über die Krankheit sprechen müssen. Manchmal frühstücken sie zusammen, machen einen Ausflug oder gehen zu einer Lesung. Auch ein Weihnachtsessen veranstaltet die Gruppe jedes Jahr.

Die beruflichen Hintergründe der Teilnehmer sind unterschiedlich. Klose arbeitete früher im pharmazeutischen Bereich, Sauer war Arzthelferin, eine andere Teilnehmerin Buchhalterin. Viele kennen sich schon lange.

Die Zusammensetzung ändert sich jedoch öfter. Nicht nur, weil, wie an diesem Abend, jemand Neues dazukommt. Immer wieder sterben auch Teilnehmer. „Es kann sein, dass jemand, der zu einem Treffen kommt, drei Monate später schon nicht mehr da ist“, berichtet Klose. Alle Betroffenen müssten sich mit dem Gedanken an den eigenen Tod auseinandersetzen. „Bei den Krankenkassen gilt man als geheilt, wenn nach einer erfolgreichen Behandlung ein paar Jahre kein neuer Krebs festgestellt wird“, so Klose. Es gebe jedoch keine Garantie dafür, dass die Krankheit nicht an einer anderen Stelle des Körpers wieder auftrete. Die Angst davor bleibe den Betroffenen teils ein Leben lang.

Zum Thema
Das Wichtigste von heute
Newsticker Südhessen Ticker
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional