Viernheim

Hospizverein Ursula Kiß und Max Schöllhorn berichten über ihre Aufgaben als Sterbebegleiter / Orientierungsseminar für Bürger am Samstag

„Der Tod ist intimer als die Geburt“

Archivartikel

Viernheim.Die Hand halten. Gemeinsam Kaffee kochen. Eine Unterhaltung über das Wetter, das Fernsehprogramm. Aus der Zeitung vorlesen. Draußen spazieren gehen. Oder schlicht das Lieblingslied aus Kindheitstagen summen: Auf den ersten Blick klingt es banal und einfach, was die beiden Ehrenamtlichen Ursula Kiß und Max Schöllhorn tun. Aber das ist es nicht. Als Sterbegleiter im Hospizverein sind sie für jeden Menschen da, der Beistand auf seinem letzten Weg sucht – sowie für seine Angehörigen.

Während die Menschen um sie herum trauern, sich mit Verlustängsten konfrontiert sehen oder sich als Sterbende mit einem schlechten Gewissen plagen, den Partner, die Kinder allein zurückzulassen und ihnen in den letzten Monaten zur Last zu fallen, müssen Sterbebegleiter einen kühlen Kopf bewahren, immer ruhig bleiben. Egal, wie schlimm die Schicksale erscheinen. „Mitleid ist da fehl am Platz. Wir sind dafür da, den Menschen auf ihrem Weg Halt zu geben“, sagt Ursula Kiß. Und Max Schöllhorn ergänzt: „Im ganzen Trubel, den der Tod mit sich bringt, müssen wir der Ruhepol sein.“ Trauern sei eine Kunst des Herzens und manchmal bestehe ihre Aufgabe allein darin, „liebevoll zu schweigen und einfach nur da zu sein“, betont Ursula Kiß.

Eigentlich jeder habe Angst vor dem Tod, sagt die 75-Jährige. „Dabei tut der Tod nicht weh, nur das Sterben, das Loslassen“. Niemand wolle da alleine sein. Das habe ihre Erfahrung in den vergangenen 15 Jahren als Sterbebegleiterin gezeigt. „Wenn es zu Ende geht, halte ich meist die Hand des Sterbenden und sage: ,Ich lass’ dich erst los, wenn du sicher auf der anderen Seite bist.‘“ Sehr emotional sei das jedes Mal, erzählt sie. „Der Tod ist intimer als die Geburt.“ Während man sich auf die Geburt freue, werde niemand gerne mit dem Tod konfrontiert.

„Viele Angehörige sind von Hoffnungslosigkeit überwältigt und wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen“, berichtet Max Schöllhorn von einer großen Unsicherheit. Auch bei ihm sei das so gewesen, als er sich selbst mit dem Tod von Angehörigen konfrontiert sah. „Deshalb bin ich auch ins Orientierungsseminar des Hospizvereins für Sterbebegleiter gegangen“, sagt der 68-Jährige. „Um zu lernen, wie man die Unsicherheit ablegen kann, um dem Sterbenden als respektvolle Vertrauensperson eine Stütze zu sein.“

Wenige Männer

Seit zwei Jahren engagiert er sich im Hospizverein. Das Orientierungsseminar überzeugte ihn von dem Ehrenamt als Sterbebegleiter, und schnell entschied er sich, die Ausbildung mit theoretischen und praktischen Einheiten zu beginnen. Insgesamt 40 Sterbebegleiter sind im Hospizverein Viernheim aktiv, zwölf von ihnen in der Ausbildung. „Wir könnten noch ein paar mehr Männer gebrauchen“, sagt Max Schöllhorn. Drei von 40, das sind ihm zu wenig.

Sterbebegleiter zu sein, sei nicht für jeden etwas, geben die beiden zu. Man müsse eine gefestigte Persönlichkeit haben und dürfe sich nicht von eigenen Problemen im Alltag ablenken lassen. Dazu komme der emotionale Faktor des Todes, den man nicht zu nah an sich heranlassen sollte. „Falls einen selbst die letzte Begleitung doch zu sehr mitgenommen hat, fängt das ganze Team einen wieder auf“, lobt Max Schöllhorn den Rückhalt unter den Ehrenamtlichen.

Aber trotz aller Schwierigkeiten, die das Sterben mit sich bringt: Ihr Engagement im Hospizverein beschreiben Schöllhorn und Kiß als „bereichernd“, „erdend“ und „wunderschön“. „Es wird einem bewusst, dass man jeden Tag genießen sollte. Man lebt heute und nicht in der Zukunft, schiebt nichts auf, sondern genießt seine Lebenszeit viel bewusster“, macht Kiß deutlich.

„Die Menschen sind unendlich dankbar für die Zeit und Unterstützung, die wir ihnen geben können. Sei es der Mensch, den wir begleiten, der nicht immer nur die Rolle des zu Versorgenden einnehmen möchte, sondern auch mal wieder selbst einen Kaffee kocht. Oder die Angehörigen, denen wir ein paar Stunden Freiheit zurückgeben, in denen sie nicht für ihren Liebsten da sein müssen, weil wir ihm Gesellschaft leisten“, sagt Schöllhorn.

Wichtigste Voraussetzungen für Sterbebegleiter seien Vertrauenswürdigkeit, eine gewisse Lebenserfahrung und Nächstenliebe, erklären die beiden. Sie hoffen, dass viele interessierte Bürger zum Orientierungsseminar des Viernheimer Hospizvereins kommen.

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