Viernheim

Menschen in Viernheim Dorothee Gassenferth blickt auf 23-jähriges Engagement in der Sterbebegleitung zurück

Der Tod nimmt keine Rücksicht

Viernheim.Das Handy liegt auf dem Tisch und schweigt. Und das ist schön, findet Dorothee Gassenferth. „Jetzt bin ich frei, kann wegfahren, muss nicht mehr ständig erreichbar sein.“ 23 Jahre lang war das anders. Da war das Handy immer an. Auch an Feiertagen, nachts, sogar im Urlaub. Der Tod hat nie Rücksicht genommen.

Als 1996 der Hospizverein Viernheim gegründet wurde, gehörte Gassenferth zu den 14 ersten ehrenamtlichen Hospizhelferinnen. Aber eigentlich habe sie schon viel länger mit dem Thema zu tun, sagt sie, nämlich seit 1986. Damals erkrankte ihr Schwiegervater an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Ein Hospiz gab es in Viernheim noch nicht, der Hausarzt verschrieb zu wenig Schmerzmittel. „Er ist elendig gestorben“, erzählt die heute 65-Jährige. Und das ließ sie nicht mehr los. „Ich fand, Viernheim braucht ein Hospiz.“ Aber die Umsetzung zog sich hin. Gassenferth ist überzeugt, dass das auch am Thema lag: „Mit dem Tod will sich keiner beschäftigen. Man will leben bis zum Schluss.“

Sie selbst schreckt der Umgang mit dem Tod dagegen nicht. „Vielleicht weil es in meiner Kindheit noch üblich war, dass Tote zu Hause aufgebahrt wurden“, überlegt die gebürtige Pfälzerin. „Und in meinem Beruf als Krankenschwester hatte ich auch schon Menschen sterben sehen.“

Beherzt nimmt sie die Ausbildung zur Hospizhelferin in Angriff. Doch als sie sich nach einem Pflichtpraktikum in einem Hospiz von den Patienten verabschiedet, stutzt sie. „Da wurde mir klar: Die sehe ich nie wieder. Die sterben.“ Die Viernheimerin bleibt trotzdem dabei. Sie macht viele Fortbildungen, unter anderem zur Palliativkrankenschwester. Über die Jahre wird sie zur Seele des Hospizvereins. Gassenferth bringt zahlreiche Ideen auf den Weg: vom Tag des Friedhofs über das Trauercafé bis hin zu den Sternenkindern, einer Gruppe von Eltern, die ein Kind verloren haben. Und sie koordiniert die Hospizhelferinnen und alle anderen Aufgaben des Vereins – erst ehrenamtlich neben ihrer Arbeit in einer Arztpraxis, ab 2005 dann als Halbtagskraft. Viel Schreibtischarbeit sei das, erzählt sie und stöhnt. Denn etwas anderes ist ihr viel wichtiger: der Kontakt zu den Sterbenden.

Gassenferth erfüllt es, in schweren Zeiten für andere da zu sein. „Ich habe immer versucht, in dieser Situation etwas Positives zu bewegen“, sagt sie. Verwandte beruhigen, den Sterbenden trösten, ihm die nötigen Schmerzmittel ermöglichen. Mit viel Feingefühl, aber auch mit Distanz – zum Selbstschutz. „Wenn im Moment des Sterbens Tränen fließen, ist das normal. Aber nicht bei der Arbeit davor“, erklärt sie. Denn da ist ein kühler Kopf gefragt – egal, wann der Tod anklopft.

Schwere, aber erfüllende Arbeit

„Ich war oft an Heiligabend unterwegs“, erinnert sie sich. „Wenn meine Kinder nicht gekocht hätten, hätte es nichts zu essen gegeben.“ Sogar bis in den Urlaub verfolgt sie der Tod. „Einmal habe ich sogar vom Strand in Italien aus etwas organisiert.“ Und Geburtstagsfeiern besuchte sie in den vergangenen Jahren nur, wenn die nicht weiter entfernt sind als Ludwigshafen. „Damit ich schnell in Viernheim sein konnte“, erklärt sie. Bei den Menschen, die sie brauchen.

Es ist eine erfüllende Arbeit, aber auch eine schwere. „Am schlimmsten ist es, wenn man dasitzt und nichts tun kann“, sagt die Viernheimerin. „Wenn man die Stille aushalten muss.“ Sie versucht, die Gedanken an die Arbeit nicht mit nach Hause zu nehmen. Aber oft klappt das nicht. Dann sucht Gassenferth Ablenkung bei der Gartenarbeit oder schüttet ihrer Familie ihr Herz aus, ohne Namen zu nennen. Und sie nimmt von jedem ihrer Patienten Abschied am Grab. „Das habe ich mir zur Regel gemacht. Um abschließen zu können“, sagt sie.

Viele Erinnerungen lassen sich aber trotzdem nicht abschließen – und das sei auch gut so, sagt die engagierte Hospizhelferin. Denn es sei auch viel Schönes dabei. Wie die Frau, deren Tod sie ahnte und bei der sie gerade noch rechtzeitig ankam. Der junge Mann, der liebevoll von seiner Wohngemeinschaft gepflegt wurde. Oder die zerstrittene Familie, die sich am Sterbebett der Oma versöhnte. „Das vergisst man alles nicht“, sagt Gassenferth. Und es habe sie verändert.

Die Arbeit mit dem Tod habe Spuren hinterlassen, sie zum Umdenken bewegt, sagt sie: „Früher war mir nie so bewusst, dass nur das Heute zählt.“ Jetzt weiß sie es – und hat deshalb ihren Abschied vom Hospizverein genommen. Ein Jahr lang will sie mit ihrem Mann einfach nur den Ruhestand genießen. Ohne dauernde Handybereitschaft und traurige Schicksale, sagt Gassenferth. „23 Jahre Tod und Sterben reichen.“ Zumindest fürs Erste.

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