Viernheim

Serie PfiVV Amina Aikoriogie kam 1995 mit 17 Jahren nach Deutschland / Heute hilft die Integrationslotsin Neuankömmlingen

„Die Leute sind so dankbar“

Archivartikel

Viernheim.Amina Aikoriogie kam alleine von Somalia nach Deutschland. Sie war gerade einmal 17 Jahre alt. Heute fühlt sie sich in Viernheim, wo sie seit 20 Jahren lebt, zuhause. Doch bis sich Deutschland für sie nach Heimat angefühlt hat, hat es gedauert. Aikoriogie weiß, mit welchen Schwierigkeiten Menschen kämpfen, die gerade in Deutschland angekommen sind. Sie weiß, wie es sich anfühlt, in einem fremden Land zu leben, dessen Sprache man kaum spricht, dessen Kultur man kaum kennt. Deshalb hilft sie, wo sie kann.

Die heute 42-Jährige hat 2015 eine Ausbildung zur Integrationslotsin bei PfiVV gemacht, dem Projekt für interkulturelle Vermittlung in Viernheim, eine Abteilung innerhalb des Vereins Lernmobil. 2015 war eine Zeit, in der viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, und das Projekt händeringend nach Helfern suchte. „Ich habe in meinem Elternhaus vermittelt bekommen, dass es wichtig ist, anderen Menschen zu helfen. Also wollte ich Integrationslotsin werden“, sagt Aikoriogie.

Die Ausbildung geht ein Jahr lang. „Es hat mir großen Spaß gemacht“, sagt sie und lächelt. Sie habe gelernt, Menschen genau zuzuhören und Konflikte auszuhalten. Und sie hat erfahren, wie wichtig es ist, sich abgrenzen zu können. „Vor allem die Schicksale vieler Frauen, die es oft schwer haben, gehen mir nahe“, sagt Aikoriogie. Wenn sie ihre Kunden in Viernheim treffe – und das geschehe in so einer kleinen Stadt häufig –, dann grüße und erzähle sie zwar gerne. „Aber befreundet sind wir nicht. Professionalität ist mir sehr wichtig.“

Aikoriogie spricht mehrere Sprachen: Somalisch, Suaheli, Englisch und Deutsch. Dann noch eine nigerianische Sprache, eine Mischung aus Nigerianisch und Englisch. Mit diesem großen Wortschatz ist sie Ansprechpartnerin für viele Menschen, die in Viernheim ankommen und Übersetzungshilfe brauchen.

Die 42-Jährige bietet ein Mal in der Woche eine Sprechstunde im Rhein-Neckar-Hotel an und ist ein Mal in der Woche im Viernheimer Rathaus anzutreffen. „Ein Großteil meiner ehrenamtlichen Arbeit hat mit Behörden zu tun.“ Die Integrationslotsin hilft dabei, Briefe zu übersetzen und zu beantworten, sie begleitet ihre Kunden beim Gang aufs Rathaus, ins Jobcenter und zur Baugenossenschaft. Sie vereinbart Termine und kommuniziert mit Kindergärten und Schulen. „Die Arbeit macht mir großen Spaß, und die Leute sind für jede Hilfe so dankbar.“ Dabei geht es eigentlich immer darum, sprachliche Barrieren zu überwinden. „Beim Übersetzen muss ich genau darauf achten, dass ich das eins zu eins mache.“ Sie dürfe nicht interpretieren.

Vermittlung bei Problemen

Ihr Anspruch ist es, eine Brücke zu sein. „Und zwar nicht nur zwischen den Kunden und den Behörden“, sagt Amina Aikoriogie. Sie vermittle auch manchmal, wenn es zu Missverständnissen zwischen den Behörden selbst komme. Außerdem sei Toleranz enorm wichtig. Und: „Man muss das Herz am rechten Fleck haben“, sagt die Lotsin.

Als sie 1995 nach Deutschland kam, habe es so ein großes Netzwerk für Flüchtlinge noch nicht gegeben. „Doch ich persönlich hatte Glück“, sagt sie heute. Als sie eine Zeit lang in Mörlenbach gelebt habe, gab es viele Leute, die ihr geholfen haben. „Eine Familie hat mir Bücher geschenkt und mich beim Sprachkurs unterstützt“, erinnert sie sich. Und: „Meine ehemalige Sozialarbeiterin war eine sehr nette Frau, die sich gut um mich gekümmert hat.“ Ohne Hilfe sei das Ankommen in Deutschland sehr schwer. „Man wird am Anfang irgendwo untergebracht und muss irgendwie klar kommen“, sagt sie.

Am Goetheinstitut in Mannheim legte sie ihre Sprachprüfung ab. Sie zog nach Viernheim in eine eigene Wohnung. Weil sie keine deutsche Staatsbürgerschaft hatte, durfte sie keine Ausbildung machen. „Deshalb habe ich gejobbt“, sagt sie und zuckt mit den Schultern. Auf der Party einer Freundin lernte sie ihren heutigen Mann kennen, der damals in Ludwigshafen lebte und aus Nigeria kommt. 2002 bekamen sie eine Tochter, 2008 erhielt Aikoriogie die deutsche Staatsbürgerschaft – nach 13 Jahren in Deutschland.

Wenn sie die Entwicklung in den vergangenen Jahren betrachtet, findet sie, dass sich viel getan hat. „Viernheim hat ein großes Netzwerk, um Neuankömmlingen zu helfen“, sagt sie. Männer hätten ihrer Erfahrung nach weniger Schwierigkeiten, Anschluss und einen Job zu finden. „Wer es oft schwer hat, sind die Frauen, die mit ihren Kindern daheim bleiben.“ Für sie könnte man noch einiges tun.

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