Viernheim

Menschen in Viernheim Manuela Reichert näht mit Leidenschaft Kostüme / Seit 26 Jahren beim Karneval in Venedig / Shows auch in Viernheim

Eine Zauberwelt aus Stoff und Draht

Archivartikel

Viernheim.Es geht eine gewundene Holztreppe nach oben. Ganz oben unterm Dach öffnet Manuela Reichert eine Tür und gibt den Blick frei auf eine glitzernde Zauberwelt. Der kleine Raum ist bis unter die Dachschrägen gefüllt mit mehr als 70 Kostümen: Roben aus rotem Tüll, Umhänge aus schwarzem Samt, Krägen aus schimmerndem Brokat drängen sich auf Kleiderstangen.

Dahinter stapeln sich Kartons voller Accessoires bis hoch an die Decke, große Kostüm-Kopfteile stehen herum. „Ja“, sagt Reichert seufzend, „so langsam kriege ich ein Platzproblem.“

Das Lager im Haus der Viernheimerin birgt alle Kostüme, die Reichert in den vergangenen 26 Jahren genäht hat, um damit zum Karneval nach Venedig zu reisen.

In die Stadt, in die sie sich während eines Urlaubs 1991 verliebte. „Ich habe sofort gewusst: Hier komme ich wieder her“, erzählt die heute 52-Jährige. Zwei Jahre später war sie zurück – mit ihrem ersten, selbstgenähten Karnevalskostüm.

Seitdem näht die Viernheimerin Jahr für Jahr neue Verkleidungen. Anfangs schneiderte sie vier bis fünf zueinander passende Kostüme für sich und Freunde, seit einigen Jahren meist nur noch eins für sich selbst. Genäht hat sie alle Roben nach Gefühl. „Ich bin keine Schneiderin, habe keinen Schnitt. Ich nähe einfach drauf los“, sagt Reichert. „Die Ideen kommen mir immer nachts. Morgens habe ich die Kostüme im Kopf.“

Das Nähen sei danach gar nicht das Schwierigste, erklärt die Viernheimerin. Obwohl sie einen Großteil der Stoffe, die sie früher in Paris, heute in Nordrhein-Westfalen einkauft, nicht mit der Nähmaschine, sondern von Hand in Verkleidungen verwandelt. Problematischer sei das Anfertigen des Kopfteils über der original venezianischen Maske. „Es darf nicht zu schwer sein und muss halten“, erklärt Reichert. Dabei spielten in der Regel viel Draht und das Schweißgerät ihres Vaters eine entscheidende Rolle.

Dieses Jahr musste auch eine Batterie eingebaut werden. Denn als Reichert mit der Idee für das Kostüm „Winter“ aufwachte, hatte sie ein Bild im Kopf von schwebenden Lichtpunkten, die sie umtanzen. „Wir mussten in Venedig dauernd stehenbleiben, um die Lichterketten zu entwirren, aber die Fotos sehen toll aus“, schwärmt die Hobby-Schneiderin.

Die Bilder von sich in ihren Kostümen, die Profi-Fotografen jedes Jahr machen und die viele Kalender und Bildbände zieren, sind ein Teil des Lohns für Reicherts Mühen. Vor allem aber zieht die Stimmung des Karnevals sie magisch an.

„Es ist ganz anders als deutsche Fastnacht“, erklärt die Viernheimerin. „Es ist ein edlerer Karneval.“ Gemeinsam mit anderen aufwendig verkleideten Venedig-Besuchern aus aller Welt flaniert Reichert jedes Jahr in der Woche vor Aschermittwoch durch die vielen Gassen Venedigs. „Es ist aber nicht wie Urlaub, sondern es ist eher Stress“, erzählt sie lachend.

Über die Jahre hat sie Kontakte mit vielen Fotografen geknüpft, mit denen sie sich für Shootings verabredet – wegen des besten Lichts meistens zu Sonnenauf- oder Untergang. „Früher kam ich manchmal erst um drei Uhr nachts ins Bett und musste schon um sechs Uhr morgens wieder los“, erinnert sie sich schaudernd. „Und dieses Jahr war es furchtbar kalt am Wasser.“

Begeisterte Touristen

Trotzdem will sie nichts davon missen: die begeisterten Ausrufe der Touristen, das hektische Kamera-Klicken der sie umlagernden Fotografen, das magische Gefühl, sich mit Kostüm und Maske in ein Fantasie-Wesen zu verwandeln. Und natürlich die Tage in Venedig, Reicherts zweiter Heimat, wo sie jedes Jahr ihre genauso kostümbegeisterten Freunde aus Wien, Mailand, Paris oder Verona trifft und mit ihnen Termine ausmacht für gemeinsame Shows, Ausstellungen oder Fotoshootings im Laufe des Jahres.

Auch in Viernheim organisierte Reichert in den vergangenen Jahren mehrmals große Kostümshows und tritt mit ihrer 1998 gegründeten Gruppe „Incanto del mondo“ (deutsch: Zauberwelt) bei privaten Feiern auf. Das alles stemmt die Viernheimerin neben ihrem Ganztagsjob in einem Büro.

Einmal, vor ein paar Jahren, wurde ihr alles zu viel, hätte sie beinahe aufgehört. Aber Reicherts Freunde motivierten sie weiterzumachen. Und dann kam ihr eine neue Idee für ein Kostüm und wieder saß sie den ganzen Winter da und nähte. „Es ist halt ein Spleen“, sagt Reichert und birgt lachend das Gesicht in den Händen. „Der hat sich festgesetzt und der geht nicht mehr raus.“

Info: Weitere Infos unter incanto-del-mondo.com

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