Viernheim

Religion Mykhaylo Kotlyarsky, Vorsitzender des Jüdischen Kulturvereins, berichtet von der Stimmung nach dem Anschlag in Halle

„Es herrscht keine Panik“

Viernheim.„Als er von dem Anschlag gehört hat, hat mich gleich der in Israel lebende Bruder meiner Frau angerufen. Er wollte Genaueres erfahren“, berichtet Mykhaylo Kotlyarsky. „Ich wohne aber natürlich zu weit von Halle entfernt, um ihm mehr über die Ereignisse berichten zu können als die Medien“, sagt der Vorsitzende des jüdischen Religions- und Kulturvereins Schalom im Gespräch mit dem „Südhessen Morgen“.

Am Mittwoch hatte ein 27-jähriger bewaffneter Deutscher versucht, in die Synagoge in Halle an der Saale einzudringen, wo die dortige jüdische Gemeinde gerade das Fest Jom Kippur feierte. Der Mann gelangte zwar nicht ins Gebäude, erschoss aber zwei Menschen in der Nähe der Synagoge.

„Ich habe meinem Schwager auch erklärt, dass ich mich in Deutschland noch immer sicher fühle“, berichtet Kotlyarsky. „Anschläge gibt es auch in Israel.“ Noch am Mittwoch hat er auch mit jüdischen Bekannten in Deutschland gesprochen. Alle würden die Entwicklungen im Fernsehen und am Computer verfolgen. „Natürlich haben manche Angst, aber es herrscht keine Panik.“

Vertrauen in Regierung

Er vertraue der deutschen Regierung und sei zuversichtlich, dass die Behörden die Lage in den Griff bekämen, auch wenn sie im Vorfeld wohl Fehler gemacht hätten. Der Anschlag habe ihn sehr überrascht, so Kotlyarsky. „Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas heute in Deutschland möglich wäre.“

Am Mittwoch war Kotlyarsky aus persönlichen Gründen nicht in der Synagoge, sondern zu Hause in Viernheim. „Bei früheren Besuchen in der Synagoge in Mannheim habe ich aber gesehen, dass die Gottesdienste dort immer von der Polizei gesichert wurden.“

Der Verein Schalom hat in Viernheim rund 20 Mitglieder. Etwa 80 Prozent von ihnen gehören laut Kotlyarsky zur jüdischen Gemeinde in Darmstadt, ein paar zu der in Mannheim. Zu großen Festen fahre ein Bus Gläubige bei Bedarf nach Darmstadt. Bestimmte Anlässe feierten die Mitglieder von Schalom aber auch gemeinsam in Viernheim.

Hier fühlt sich Kotlyarsky gut aufgehoben. Die Menschen würden ihm und den ihm bekannten Juden freundlich begegnen. Auch das Verhältnis zwischen Stadt und Kulturverein sei sehr gut. So gebe es etwa jedes Jahr am 9. November eine gemeinsame Veranstaltung zum Gedenken an die Reichspogromnacht 1938.

Der Kulturverein sei auch mit anderen jüdischen Organisationen in der Region gut vernetzt. Früher hätten die Mitglieder zudem häufig weiter entfernte Gemeinden und Synagogen in Deutschland und teils auch in Frankreich besucht. Das sei heute aber nur noch eingeschränkt möglich, erklärt Kotlyarsky „Das Durchschnittsalter in unserem Verein liegt bei 80 Jahren.“

Nach Halle bestünden keine engeren Verbindungen, obwohl Kotlyarsky dort 1948 sogar geboren wurde. „Mein Vater war in der Stadt als Offizier stationiert. Meine Eltern hatten gute Kontakte zur jüdischen Gemeinde. Sie stammten jedoch aus der Ukraine und sind mit mir dorthin zurückgekehrt, als ich drei Jahre alt war.“

Nach Viernheim kam Kotlyarsky erst vor rund 20 Jahren. Auch die anderen Mitglieder des Kulturvereins sind nicht hier geboren. „Wir stammen zu hundert Prozent aus Osteuropa, vor allem aus Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion.“

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