Viernheim

Kabarett Spitzklicker überzeugen mit ihrem 35. Programm „Ohne Worte!“ das Viernheimer Publikum in der TSV-Halle

Fassungslos über pünktliche Züge

Archivartikel

Viernheim.Das Rezept ist altbekannt – und bringt doch immer wieder neue Aha-Effekte: Alltägliche Begebenheiten, von hinten aufgezäumt, sind eine Spezialität der Weinheimer Kabarettgruppe Spitzklicker. Waren es im Vorjahr Sichtschutzwände bei einem schweren Unfall auf der Autobahn, die die Gaffer als „voll asozial“ ablehnten, geht es beim neuen Programm „Ohne Worte!“ um Bahnkunden. Die ärgern sich nicht etwa über Verspätungen – ganz im Gegenteil. Fuchsteufelswild werden sie, wenn der Zug pünktlich kommt. Denn dann können sie keine Entschädigung mehr kassieren.

„Der ICE aus Kassel wird heute pünktlich abfahren“, tönt es aus dem Lautsprecher. Die Bahnkunden Franz Kain und Markus König sind fassungslos. „Was wird aus meiner Rückerstattung?“, jammert König. Und die Angestellte Susanne Mauder wundert sich: „Ich bin jetzt zehn Jahre bei der Bahn. So etwas wie heute habe ich noch nie erlebt.“ Am Ende wendet sich das Blatt. Der Zug verspätet sich doch um zwei Stunden, „wegen eines Personenschadens“. Sarkastisch bemerkt König: „Da ist jemand im letzten Moment in die Bresche gesprungen.“

In der voll besetzten TSV-Halle treffen die Spitzklicker mit diesen und anderen aus dem Alltag entlehnten Begebenheiten den Geschmack ihres Viernheimer Publikums – ob Inflation von Nagelstudios in den Innenstädten, den Absurditäten der Datenschutz-Grundverordnung oder der Billigtaxi-Linie „Ryan Earth“, die am Ende ziemlich teuer wird. Einmal mehr stellen die Kabarettisten die Realität auf den Kopf, wenn sie angesichts des Hitzesommers 2018 im Urlaub nach Regen und trüben Tagen lechzen.

Donald und Recep in der Schule

Hohe Politik auf die Alltagsebene herunterbrechen: Auch das gelingt den Weinheimern hervorragend, etwa mit ihrem „internationalen Internat“ und der schlimmen Klasse 5a. Einer der Schüler ist „der kleine Donald“. „Die Frisur ist noch das Beste an dem Krutzen“, sagt Lehrer Markus König: Aber „der lügt, wenn er den Mund aufmacht“. Oder Recep Tayyip: Der hat eine Bande um sich geschart. „Immer wenn ihm jemand widerspricht, sperren sie den ins Bubenklo.“ Angesichts der Rabauken, zu denen auch Kim Jong, Viktor und Wladimir gehören, stöhnen die Lehrer: „Man muss sich echt fragen, was aus denen mal werden soll.“

In dieser und in mehreren anderen Szenen als Akteur mit dabei ist Pianist Daniel Möllemann, dessen schauspielerische und gesangliche Fähigkeiten mit denen der drei anderen Spitzklicker locker mithalten können. Gesangsparts gehören traditionell nicht nur mit dazu, sie zählen auch zu den Höhepunkten des Programms – etwa wenn die Darsteller als steinalte Rentner einen fetzigen Rap aufs Parkett legen. Oder die Verrücktheiten der bundesdeutschen Politik mit umgetexteten Songs der Neuen Deutschen Welle durch den Kakao ziehen. Schlecht weg kommen dabei auch die Rechtspopulisten und Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen, wenn es frei nach Geier Sturzflug heißt: „Ja, jetzt wird wieder mal auf Fremde gespuckt, vom Staat wird fröhlich weggeguckt.“ Fazit: ein Programm, das Lust auf mehr macht – vielseitig und frech wie immer. bhr

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