Viernheim

Museum Renate Rein erzählt bei Märchenstunde für Erwachsene von den Rauhnächten in der Zeit zwischen den Jahren

Frau Holle, Wotan und die Wilde Jagd

Viernheim.Die Zeit zwischen den Jahren war vielen Menschen früher unheimlich. Grund dafür waren die Geister und Dämonen, die – wie man glaubte – in den langen kalten Nächten um die Häuser spukten. Die zwölf Rauhnächte zwischen dem ersten Weihnachtsfeiertag und Dreikönig galten als eine Art „Niemandszeit“. Unter anderem davon erzählte die professionelle Geschichtenerzählerin Renate Rein bei einem Märchenabend für Erwachsene. Die Veranstaltung im Museum stand unter dem Titel „Das Geheimnis der wilden Weihnacht“.

Abgedunkeltes Licht, der Schein von Kerzen und die Klänge der von Rein vor jeder Geschichte gespielten Maultrommel erzeugten eine mystische Stimmung. Sieben Geschichten trug die Erzählerin in freier Rede und mit sanfter, geheimnisvoller Stimme dem gebannten Publikum vor: „Der Holleabend“, „Holunder tut Wunder“, „Frau Holles Apfelgarten“, „Das weinende Kind“, „Ein Reiter in den Zwölfen“, „Das ausgeblasene Licht“ und „Die unglückliche Prinzessin“.

Ein Geist, der in den Rauhnächten besonders in Erscheinung tritt, ist Frau Holle, die in manchen Regionen auch Frau Perchta genannt wird. Sie behütet die Kinder, belohnt die Fleißigen und bestraft die Faulen. Mal gab sie einer fleißigen Spinnerin den unmöglichen Auftrag, in zwölf Stunden Garn für zwölf Spindeln zu spinnen. Diese war aber listig und spann nur eine Lage Garn auf jede Spule. Segensreich wirkt Frau Holle in einer anderen Geschichte, indem sie einem verdorrten Strauch neues Leben einhaucht, der dann zu Holunder wird. Holunder gilt als Apotheke der Einödbauern, mit dem Zahnschmerzen, Hautkrankheiten aber auch Unfruchtbarkeit behandelt wurden.

Strenge und Güte liegen bei Frau Holle eng beieinander. Da eine neugierige Magd trotz Verbot in der Nacht das Haus verlassen hatte, bläst Frau Holle auf ihrem Gabentisch zwei Kerzen aus, sodass die Magd blind wird. Nur eine alte Frau tröstet sie, dass sich die Dinge ändern und ihr Schicksal nicht endgültig sein muss. Und richtig: In den nächsten Rauhnächten haucht sie Frau Holle wieder an, sodass sie wieder sehen kann.

Auch vor Wotan und seiner wilden Jagd, beziehungsweise seiner Schar wilder Jäger sollte man sich in Acht nehmen, wenn sie gemeinsam über den Himmel ziehen. So sollte man in den Rauhnächten keinesfalls Wäsche im Freien aufhängen, da sich Wotan und die seinen darin verfangen könnten.

Für Rein ist das Erzählen alter Sagen auch ein Stück Wissensvermittlung, ohne dabei ein Referat zu halten, wie sie erklärt. Sie möchte die Botschaft vermitteln, dass man auf die Erfahrungen der älteren Generation hören sollte. So habe zum Beispiel die alte Frau der blinden Magd vermittelt, dass sich Dinge wieder ändern können, und man nie den Mut verlieren soll. kos

Zum Thema
Das Wichtigste von heute
Newsticker Südhessen Ticker
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional