Viernheim

Serie Selbsthilfegruppen „Chamäleon“ richtet sich an Menschen mit Depressionen / Leiterinnen erzählen von der Angst Betroffener, sich anderen zu offenbaren

„Gesellschaft fehlt oft das Verständnis“

Viernheim.„Wenn über Robert Enke berichtet wird, haben alle Mitleid und sagen, die Krankheit ist akzeptiert. Wenn aber ein Straßenbahnfahrer oder eine Kindergärtnerin betroffen sind, heißt es nur: ,Stell’ dich nicht so an’“, ärgert sich Erika Brockmüller. Zusammen mit Maria Eppel leitet sie die Selbsthilfegruppe „Chamäleon“ für Menschen mit Depressionen. Der Fußballtorwart Enke gehört zu den prominentesten Betroffenen der psychischen Krankheit. 2009 nahm er sich deswegen das Leben. Der Fall ging damals groß durch die Medien. Noch immer könnten viele Betroffene aber nicht offen über ihre Depressionen reden, etwa mit ihren Arbeitgebern, so Brockmüller. „Wenn man nicht funktioniert und den Leistungsanforderungen der Gesellschaft nicht gerecht wird, gilt man schnell als faul oder verrückt.“ Brockmüller und Eppel reden nur deshalb offen, weil sie beide nicht mehr im Berufsleben stehen. Brockmüller ist Rentnerin, Eppel gilt als erwerbsunfähig. Dabei seien Depressionen einfach eine Krankheit, die sich mithilfe von Medikamenten und Psychotherapie behandeln und in einigen Fällen auch heilen lasse, so Brockmüller. Seit mehreren Jahren braucht sie keines von beidem mehr.

Gesunde Menschen könnten sich nicht vorstellen, welche große Anstrengung für Depressive manchmal schon damit verbunden sei, morgens aufzustehen und unter die Dusche zu gehen, erklärt die 66-Jährige. „Das Schlimmste ist jedoch die große Hoffnungslosigkeit“, sind sich Brockmüller und Eppel einig. Eine Frau aus der Selbsthilfegruppe habe sechs Jahre mit Krebs gekämpft, der weite Teile ihres Körpers befallen hatte. Trotzdem habe sie immer gesagt, die Depression sei die schlimmere Krankheit. Brockmüller kann das gut nachvollziehen. 1998, als bei ihr die Diagnose Depression gestellt wurde, hatte sie häufig Selbstmordgedanken. „Ich bin auf Brückengeländern balanciert und habe mit dem Auto vor Bäumen gestanden. Es ist aber nicht so, dass Betroffene generell nicht mehr leben wollen, nur eben nicht mehr mit dieser Hoffnungslosigkeit.“

Oft seien schwere Erkrankungen oder Stress durch Familie oder Arbeit Auslöser für die Krankheit. Die Depression entwickelte sich bei Brockmüller schleichend. Über mehrere Jahre pflegte sie sowohl ihren an Parkinson erkrankten ersten Mann als auch ihre Großmutter. Verstärkt wurde der Stress, wie sich im Rahmen einer Psychotherapie herausstellte, durch den autoritären Erziehungsstil ihrer Großeltern, bei denen Brockmüller aufwuchs. Auch bei Eppel war wohl Stress der Auslöser. Sie wurde auf der Arbeit gemobbt, zudem kümmert sie sich seit Jahren um ihre Mutter. 2009 bekam die heute 58-Jährige die Diagnose. Seit zehn Jahren geht sie nun zu den Treffen von „Chamäleon“.

Die Gruppe gibt es seit 2002. Damals stellte Brockmüller beim Tag der Selbsthilfe „Lieselotte Zwiespalt“ vor. Diese Selbsthilfegruppe richtet sich ausschließlich an Frauen. Die Treffen sind vormittags. Betroffene, die ins Berufsleben zurückgekehrt waren, hatten aber den Wunsch nach einer Abendgruppe. Während des ersten Jahres richtete sich auch „Chamäleon“ ausschließlich an Frauen. Dann öffnete sich die Gruppe für Männer. Derzeit gehören sieben Männer und drei Frauen dazu. In der Regel nimmt Brockmüller bis zu 15 Mitglieder auf.

Anrede nur mit Vornamen

Bei „Chamäleon“ gilt die Regel, dass nichts, was in den Treffen besprochen wird, nach außen getragen werden darf, erklärt Brockmüller. Die Mitglieder sprechen sich nur mit den Vornamen an. Sie berichten aus ihrem Alltag und von aktuellen Problemen, etwa einem anstehenden Bewerbungsgespräch. Manchmal gehen auch alle gemeinsam ein Eis essen oder unternehmen einen Ausflug. „Wir machen keine Medikamentenberatung und wir bieten auch keine Therapie an“, betont Brockmüller. Oft helfe es aber schon, wenn die Betroffenen hörten, dass andere bestimmte Situationen genauso erlebten wie sie. Gesunde Menschen dürften nicht zu den Treffen kommen, denn ihre Wahrnehmung unterscheide sich oft grundlegend. Betroffene würden dann nicht mehr frei sprechen. Im Alltag versuchten sie, sich der Umgebung anzupassen. Daher hat Brockmüller auch den Namen „Chamäleon“ für die Gruppe gewählt. In der Regel merke man den Betroffenen die Krankheit nicht an. „Wir sind gute Schauspieler“, sagt Eppel.

Dass die beiden Frauen die Gruppe inzwischen gemeinsam leiten, hat laut Brockmüller unter anderem einen ganz praktischen Vorteil für Menschen, die sich an sie wenden wollen. „Schon ein Telefonanruf kann sehr viel Überwindung kosten. Wenn dann niemand dran geht, weil zum Beispiel eine von uns in Urlaub ist, kann es sein, dass der Betroffene es ein paar Tage später nicht noch mal schafft.“

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