Viernheim

Soziales Arbeiterwohlfahrt vor 100 Jahren gegründet / Verantwortliche organisieren Jubiläumsfest und Ausstellung

Hilfe für viele Generationen

Archivartikel

Viernheim.„Frau M. wurde in ihrer Wohnung aufgesucht. Katastrophale Verhältnisse. Ehemann ist ein notorischer Trinker, verdient keinen Pfennig. Sie selbst ist nur noch ein Schatten. Wir müssen versuchen, helfend einzugreifen. Winterbrand, Weihnachtsbeihilfe“, zitiert Peter Lichtenthäler aus einem Protokollbuch der Viernheimer Arbeiterwohlfahrt (AWO).

„Der Eintrag stammt aus dem Jahr 1969. Das Buch gehört zu den ältesten Unterlagen, die wir in unserem Archiv haben“, erklärt Lichtenthäler, der die AWO-Geschäftsstelle leitet. „Aus der Gründungszeit haben wir leider nichts gefunden.“ 100 Jahre ist die Arbeiterwohlfahrt in Deutschland nun alt. Auch für die Verantwortlichen in Viernheim ist das Anlass, zurückzublicken, obwohl ihr Ortsverein erst 1924 gegründet wurde.

Für das Jubiläum sind verschiedene Projekte geplant. Am Samstag, 11. Mai, gibt es von 10 bis 13 Uhr einen Infostand am Rewe. Im Garten des Museums organisiert die AWO zusammen mit der Kindertagesstätte Pirmasenser Straße am Samstag, 15. Juni, ein Jubiläumsfest. Und wer Genaueres über die Geschichte der AWO erfahren möchte, kann sich zwischen dem 18. und dem 28. Juni eine Wanderausstellung in der Kulturscheune ansehen.

Wie die Gesellschaft haben sich seit der Gründung auch Aufgaben und Projekte der AWO immer wieder verändert. Den im Protokollbuch erwähnten „Winterbrand“, wobei es sich laut Lichtenthäler wohl um Unterstützung mit Brennholz oder Kohle gehandelt hat, gibt es längst nicht mehr. Ebenfalls Geschichte ist die in den 60er und 70er Jahren bestehende Beratungsstelle für türkische Arbeitnehmer. Sie half zum Beispiel beim Umgang mit Behörden und beim Ausfüllen von Formularen. Auch Jugendfreizeiten, bei denen etwa auf dem niederländischen Ijsselmeer gesegelt wurde, gibt es inzwischen nicht mehr.

Dafür kamen neue Angebote dazu, etwa 1973 „Essen auf Rädern“ oder 1975 die Kleiderkammer. Zweimal im Jahr bietet die AWO inzwischen Seniorenfreizeiten an. In einem Waldkindergarten und vier Kindertageseinrichtungen werden außerdem mehr als 440 Kinder betreut. Eine der Einrichtungen ist seit 2018 auch Familienzentrum.

„Bildung darf nicht im Zusammenhang mit dem Einkommen stehen“, betont der Zweite Vorsitzende Tom Tarchanow. Daher gebe es zum Beispiel eine Arbeitsgruppe zum Thema Kinderarmut. Mit diesem Problem hätten sich schon die Gründer der AWO beschäftigt. Heute gehöre es auch zu den Zielen, allgemeine gesellschaftliche Themen öffentlich anzusprechen und bei der Lösung von sozialen Problemen eine Vorreiterrolle einzunehmen. „Wir haben uns von einem Fürsorgeverein zu einem sozialpolitischen Verband entwickelt“, erklärt Tarchanow. Der Ortsverein ist gut vernetzt, arbeitet zum Beispiel mit dem katholischen Sozialzentrum und dem Forum der Senioren zusammen.

Ehrenamtlicher Besuchsdienst

In Zukunft muss sich die AWO wohl verstärkt um ältere Menschen kümmern. „Altersarmut wird zunehmend zum Problem“, berichtet die Erste Vorsitzende Jutta Schmiddem. Auch für Senioren, die das Haus nicht mehr verlassen können, soll es bald ein neues Angebot geben. Zurzeit laufen Planungen für einen ehrenamtlichen Besuchsdienst. Dafür werden noch Freiwillige gesucht.

Senioren zu helfen, ist für die AWO jedoch nichts Neues, wie auch das Protokollbuch zeigt. So findet sich für das Jahr 1971 die Nachricht, dass einer alleinstehenden älteren Frau ein auf AWO-Kosten reparierter Fernsehapparat geschenkt wurde, „um die Unbilden einsamer Stunden abzubauen“.

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