Viernheim

Forscher-Werkstatt Zwei Blinde sprechen mit Fröbelschülern über „Sinne“ / Technische Hilfsmittel erleichtern Alltag

Hören, wenn das Glas voll ist

Archivartikel

Viernheim.Norman Wiegand hält das Farberkennungsgerät an sein T-Shirt. „Helltürkis-grün“ meldet das kleine Kästchen, es ist exakt die Farbe des bunten Aufdrucks auf dem schwarzen Shirt. „Das Gerät benutzen wir, wenn wir Kleidung anziehen oder kaufen, aber auch, um unsere Wäsche zu sortieren“, erklären Isabell Pfeufer und Norman Wiegand den Drittklässlern der Friedrich-Fröbel-Schule.

Im Rahmen der „Forscher-Werkstatt“ im Sachunterricht zum Thema „Sinne“ wird den Mädchen und Jungen, dank der Finanzierung durch den Verein für Grundschulbetreuung und der Organisation von Koordinatorin Carola Humpe, eine besondere Schulstunde ermöglicht. Isabell Pfeufer und Norman Wiegand erzählen den Schülern aus ihrem Alltag als blinde Menschen.

„Wir sind beide von Geburt an blind. Die Netzhaut in unserem Auge hat sich abgelöst“, erklären die beiden. In ihrem Alltag kommen sie gut zurecht – auch dank der speziellen Hilfsmittel, die Norman Wiegand den Kindern zeigt. Neben dem Farberkennungsgerät gibt es noch mehr kleine Maschinen, die mit den Blinden sprechen. Beim Backen und Kochen hilft eine sprechende Waage, die sich mit einem freundlichen „Auf Wiedersehen“ verabschiedet, nachdem sie Filz- und Klebestifte grammgenau gewogen hat. Auskunft über Datum und Uhrzeit gibt der sprechende Wecker. „Wenn ich einmal auf den Knopf drücke, sagt er die Uhrzeit. Bei zweimal wird der Tag und das Datum angesagt“, erklärt Wiegand.

Bücher in Brailleschrift

Beim Einschenken von Flüssigkeiten fühlen Sehbehinderte entweder mit dem Finger im Glas oder nutzen – vor allem bei Heißgetränken – einen Füllstandsmesser, der piepst, wenn die Tasse fast voll ist. „Bei vielen Flüssigkeiten hört man aber auch, wie voll das Glas ist“, sagt Norman Wiegand und verblüfft damit die Kinder. „Sie hören also viel besser als wir“, stellen die Drittklässler fest. Das bekannteste Hilfsmittel ist der Blindenstock. Wie er benutzt wird, wie man ihn vor sich hin und her bewegt, lernen Blinde beim Mobilitätstraining in der Blindenschule. Dort bekommen Blinde und Sehbehinderte auch Lesen und Schreiben beigebracht. Sie lesen die Brailleschrift, bei der Punkte ins Papier geprägt sind. Wie man „von Hand“ schreibt, demonstriert Isabell Pfeufer mit der Punkt-Schrift-Schreibmaschine, die nur sieben Tasten hat. Das benötigte Papier ist viel dicker, weil die geprägten Punkte lange zu sehen sein sollen. Die Bücher in Brailleschrift sind deshalb auch viel größer und dicker als andere.

Isabell Pfeufer hat sogar ein Exemplar in Blindenschrift dabei. Der dicke, große Wälzer ist aber nur einer von fünf Bänden des Buchs „Tintenherz“. Die Schüler schauen gebannt zu, wie Pfeufer die Buchstaben ertastet: Ein Finger fühlt vor, der andere fährt die Buchstaben ab, so liest sie eine Passage aus dem Roman vor.

Blinde nutzen aber nicht nur Spezialgeräte. Isabell Pfeufer zeigt, wie sie mit ihrem Tablet umgeht: „Die Eingabebefehle mache ich mit verschiedenen Gesten“, sagt sie. Der Computer hat eine Sprachausgabe, man kann ihn aber auch an eine Braille-Zeile anschließen und dann auf diesem Gerät lesen. Getippt wird auf einer handelsüblichen Tastatur: „Das Zehn-Finger-System haben wir in der Schule gelernt“, verraten die beiden blinden Besucher.

Den Schülern brennen viele Fragen unter den Nägeln, die Isabell Pfeufer und Norman Wiegand gern beantworten. Zum Beispiel, ob es Sport für Blinde gibt, wie ein Blindenhund hilft und was Blinde arbeiten. „Ich war mal Lehrerin“, berichtet Isabell Pfeufer den erstaunten Schülern, „aber inzwischen schreibe ich Pressemeldungen für die Stadt Heidelberg.“

Norman Wiegand arbeitet bei speziellen Events im Dunkeln. Fahrradfahren könnten beide, teilen sie mit. Sie seien aber bisher nur auf einem ehemaligen Schulgelände unterwegs gewesen. Autofahren ist für Blinde sogar verboten. „Ich bin trotzdem schon einmal gefahren“, verrät Autofan Norman lachend. „Da durfte ich schalten, Gas geben und lenken. Das war nämlich mit einem Fahrlehrer im Fahrschulauto.“

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