Viernheim

Politik Erster Stadtrat Jens Bolze tritt zum 1. August in den Ruhestand / Blick zurück auf erfolgreiche und umstrittene Projekte

„Ich will die Zeit nicht missen“

Archivartikel

Viernheim.Nach sechs Jahren endet am Mittwoch, 31. Juli, die Amtszeit von Jens Bolze als Erstem Stadtrat. Im Gespräch mit dem „Südhessen Morgen“ zieht der 57-jährige parteilose Politiker Bilanz seines Wirkens in Viernheim und erzählt von seinen Zukunftsplänen.

Herr Bolze, wie verbringen Sie Ihre letzten Tage im Amt?

Jens Bolze: Ich mache eine Abschiedstour. Außer im Magistrat und in der Verwaltung bin ich bei Vereinen, Bürgerinitiativen und Institutionen unterwegs, die mir in den letzten sechs Jahren ans Herz gewachsen sind.

Welche Gefühle sind für Sie damit verbunden?

Bolze: Die Gefühle sind positiv. Die Entscheidung, nicht mehr anzutreten, ist mir nicht leicht gefallen. Es waren jedoch nicht die Bürger und nicht die Herausforderungen, sondern hauptsächlich gesundheitliche Aspekte, die mich dazu bewogen haben. Ich hätte gerne weitergemacht, aber man muss auch manchmal in sich hineinhören. Inzwischen bin ich glücklich und freue mich auf den nächsten Lebensabschnitt.

Wie sieht dieser nächste Lebensabschnitt aus?

Bolze: Ich trete in den Ruhestand und nehme mir nun viel Zeit für private Projekte. Das Motorrad steht bald vor dem Haus. Der Camper wird gerade ausgesucht. Ich werde viel mit meiner Frau reisen. Vielleicht nehme ich im nächsten Jahr eine Dozententätigkeit in Darmstadt auf. Das steht aber noch nicht endgültig fest.

2013 haben Sie gesagt, dass Sie in Viernheim „Leuchttürme“ setzen wollen. Was sind Ihrer Ansicht nach die großen Errungenschaften Ihrer Amtszeit?

Bolze: Die Liste ist lang. Ich war selbst überrascht. Zu nennen wäre etwa die neue Klimapartnerschaft mit Silly. Da ist richtig viel Potenzial drin. Ich freue mich, dass es gelungen ist, die Feuerwehr mit hauptamtlichem Personal und technischer Ausrüstung richtig gut auszustatten. Besonders freue ich mich über das Wasserspiel auf dem Apostelplatz, auch wenn es heiß diskutiert worden ist. Aber jedes Mal, wenn ich die lachenden Gesichter der Kinder, die dort herumtollen, sehe, freut es mich. Daneben ist während meiner Amtszeit die Stadtpolizei personell aufgerüstet worden. Der Umzug der Polizei in ein neues Domizil, das auch als solches wahrnehmbar ist, ist wohl – neben der neuen Kita Entdeckerland – einer der größten Leuchttürme. Ebenso zu nennen sind das Klimaschutzkonzept und das Stadtentwicklungskonzept sowie die Planungen für das Baugebiet Bannholzgraben II. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Welche Dinge, die Sie sich vorgenommen hatten, konnten Sie nicht umsetzen?

Bolze: Ich glaube, die Bilanz ist wirklich sehr gut und kann sich sehen lassen. Spontan fällt mir nichts ein, was ich nicht umsetzen konnte. Schade ist nur, dass ich das eine oder andere nicht zum Abschluss bringen kann. Aber ich habe Wesentliches aufs Gleis gesetzt. Zum Beispiel bei der Stadtentwicklung müssen die Stadtverordneten jetzt mit Hilfe des entsprechenden Konzepts und dessen vier Szenarien entscheiden, in welche Richtung es für Viernheim weitergehen soll.

Bei der letzten Stadtverordnetenversammlung, bei der Sie nicht anwesend waren, haben verschiedene Stadtverordnete Ihnen eine mangelhafte Kommunikation vorgeworfen. Ralf Jünemann von der FDP sagte, Sie hätten die „Gabe der selektiven Information“. Was entgegnen Sie darauf?

Bolze: Da ich weiß, aus welcher Ecke diese Kritik kam, sehe ich das relativ gelassen. Ich glaube nicht, dass ich mir einen Vorwurf in Bezug auf die Kommunikation machen muss. Dass ich natürlich in meiner Position mitunter Informationen vermittelt habe, die nicht gerne gehört worden sind, steht auf einem anderen Blatt.

Gilt das auch für die Kommunikation mit den Bürgern, zum Beispiel bei der Innenstadtsanierung? Manche kritisieren, dass es zwar Bürgerversammlungen gab, dabei aber vor allem über bereits getroffene Entscheidungen informiert wurde.

Bolze: Ich bin zum Beispiel beim „Umbau Fußgängerzone“ in das Projekt hineingewachsen. Das Parlament hatte viele Entscheidungen bereits getroffen. Meine Aufgabe bestand darin, die Beschlüsse des Parlaments umzusetzen. Ich war also mit diesem Auftrag ständig in Kontakt mit betroffenen Bürgern und habe kommuniziert. Es gab ja auch, zum Beispiel in der Schulstraße, noch moderate Veränderungen. Die gelungene Umgestaltung der Fußgängerzone zeigt doch, dass alle Befürchtungen, die formuliert worden sind, letztendlich nicht eingetreten sind. Ich kann der Kommunikation hier kein schlechtes Zeugnis ausstellen.

Würden Sie rückblickend etwas anders machen?

Bolze: Zu jedem Zeitpunkt hat jeder Akteur die Entscheidung getroffen und so gehandelt, wie er es für richtig hielt. Überlegungen darüber, was hätte geschehen können, wenn etwas anders gelaufen wäre, bringen uns nicht weiter.

Gilt das auch für Ihre Rede in der Stadtverordnetenversammlung im November 2018, die Sie zu einer Generalabrechnung mit den politischen Parteien genutzt haben?

Bolze: Ich habe das damals aus für mich guten Gründen so gemacht. Es gab unterschiedliche Reaktionen dazu, positive wie negative. Es ist, wie es ist.

Ihr Nachfolger Bastian Kempf von der CDU war einer Ihrer politischen Widersacher. Trauen Sie ihm das Amt zu?

Bolze: Dazu maße ich mir kein Urteil an. Herr Kempf ist gewählt worden, und ich wünsche ihm alles Gute auf seinem weiteren Weg.

Wenn Sie nochmal in der Situation von 2013 wären, würden Sie wieder dieselbe Entscheidung treffen und nach Viernheim kommen?

Bolze: Ja, eindeutig. Ich möchte die Zeit nicht missen. Mit Viernheim werde ich immer verbunden bleiben. Es waren sechs sehr intensive Jahre, und ich habe viele nette und bemerkenswerte Menschen, Vereinigungen und Institutionen kennengelernt. Das Gemeinwesen ist mir ans Herz gewachsen. Ich werde, wann immer ich kann, vorbeischauen, ob im Rathaus, bei einem Fest oder bei dem ein oder anderen Verein.

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