Viernheim

Zeitzeugen Inge und Helmfried Huschak blicken auf ihre Ausreise aus der DDR zurück / Neues Zuhause in Viernheim – in der Freiheit

„Im Zug sind Tränen geflossen“

Viernheim.Als die letzten Kontrolleure mit ihren Hunden das Abteil verlassen und der Zug endlich über die Grenze nach Westdeutschland rollt, brechen bei Familie Huschak alle Dämme. „Wir haben geschrien“, erzählt Helmfried Huschak und muss lachen. „Und dann haben wir unser DDR-Kleingeld aus dem Fenster geworfen.“ Eineinhalb Jahre nachdem sie ihren Ausreiseantrag gestellt hat, ist die fünfköpfige Familie am 31. August 1985 der Diktatur entkommen.

„Ich war immer antikommunistisch“, sagt Helmfried Huschak. Als die Mauer gebaut wird, ist er 18 Jahre alt – und überlegt, zu fliehen. Doch die Gelegenheit ist nicht günstig. Als Huschak seine Frau Inge heiratet und beide drei Kinder bekommen, ist eine Flucht für sie tabu. Aber das Leben in Leipzig wird für sie immer unerträglicher. Das größte Problem? „Die fehlende Freiheit“, sagt der heute 76-Jährige. „Und dieser Hass“, fügt er an. „Ich kann auf Hass kein Leben aufbauen.“

Inge und Helmfried Huschak versuchen, dagegenzuhalten. Sie gehen in die Kirche. Sie besorgen sich über ihren Pfarrer heimlich Literatur wie „Der Archipel Gulag“. Sie schauen West-Fernsehen. Sie lehnen es wieder und wieder ab, der SED beizutreten. Sie sagen ihre Meinung. Dafür werden sie bespitzelt – bei ihrer Arbeit als Ingenieure und im Freundeskreis. Aber beide achten darauf, nie etwas Strafbares zu tun. Denn immer wieder hören sie von Verhaftungen, besonders von DDR-Bürgern, die einen Ausreiseantrag gestellt haben. Deshalb zögern die Huschaks vor diesem Schritt. Doch 1984 ist das Maß voll. Auch sie stellen den Antrag.

Die Antwort der Behörden lautet: Nein. „Wir hätten kein Recht auszureisen, weil wir in der DDR geboren seien“, erinnert sich die 73-jährige Inge Huschak und lacht. „So ein Quatsch! Als ich geboren wurde, gab es noch keine DDR!“ Ihr Mann nickt: „Wir haben erwidert: Wir sind kein Eigentum der DDR.“ Damit beginnt ein Kleinkrieg mit den Behörden. Das Ehepaar schreibt Eingaben, unter anderem an den Justiz- und Innenminister und das Zentralkomitee der SED.

Immer wieder verweisen sie auf das UN-Menschenrecht, leben zu dürfen, wo sie wollen. Auch, als bei beiden Stasi-Mitarbeiter im Büro auftauchen. „Meine Kollegen sind fast in ihre Schreibtische gekrochen“, sagt Inge Huschak. Als ihnen auf einer Fahrt nach Tschechien der Grenzübertritt verwehrt wird, stellen sie Strafanzeige beim Bezirksgericht – und werden vor den Staatsanwalt zitiert. „Das war die härteste halbe Stunde meines Lebens“, erinnert sich Helmfried Huschak. Wie groß die Anspannung ist, merkt das Paar eines Nachts, als an ihrer Wohnungstür Sturm geklingelt wird. „Ich dachte, das ist die Stasi“, sagt der 76-Jährige und streicht sich fahrig über die Stirn. Doch es ist nur ein betrunkener Nachbar.

Am Ende gibt die DDR auf. „Es muss eingeschätzt werden, dass Huschak und seine Ehefrau hartnäckig auf ihren Ausreiseantrag bestehen“, lesen die beiden Jahre später in ihrer dicken Stasi-Akte. Dass sie nicht von ihrer „feindlich-negativen Einstellung“ abzubringen seien und immer damit weitermachen würden, „die DDR-Organe ständig zu beschäftigen, ohne strafrechtlich relevant zu werden“. Endlich darf die Familie die DDR verlassen. „Als der Zug losgefahren ist, sind die Tränen geflossen“, sagt Inge Huschak. Ihr Mann nickt. „Als die Anspannung abgefallen ist.“ Jenseits der Grenze atmet die Familie Freiheit. „Das Gras war grüner und die Luft reiner“, erinnert sich der 76-Jährige und noch heute leuchten seine Augen dabei.

Das Ziel: Viernheim. Dort wohnt ein ehemaliger Kollege Huschaks. Bei ihm kommt die Familie unter und lernt noch am ersten Abend beim Innenstadtfest zahlreiche Viernheimer kennen. Dass sie nicht nur auf offene Arme stoßen, dass die Suche nach einer Wohnung und Arbeit nicht immer einfach ist – darauf antworten beide nur: „Das muss man aushalten.“ Für sie überwiegt die Freiheit, die sie besonders bei ihrem ersten Urlaub am Gardasee auskosten. „Wunderschön“, schwärmt Inge Huschak. „Und das haben die uns immer verboten.“ Sie bedauert alle, die in der DDR bleiben mussten. Umso aufgeregter verfolgt die Familie am Fernseher die Montags-Demonstrationen, telefoniert noch in der Nacht des Mauerfalls völlig aufgelöst mit Freunden in Leipzig und fährt an Weihnachten 1989 zum Überraschungsbesuch in ihre alte Heimat, von der sie gedacht hatten, sie nie wiederzusehen.

Liebe zu Leipzig bleibt

Zurück in den Osten zieht die Familie aber nicht. Obwohl die Liebe zu Leipzig nie erlischt. „Unser Zuhause ist jetzt aber Viernheim“, sagt der 76-Jährige. An die Erlebnisse vor über 30 Jahren erinnert nur noch der Stasi-Ordner im Wohnzimmerschrank – und Medienberichte wie jetzt, zum Jahrestag des Mauerfalls. „Die Wiedervereinigung haben nicht nur diejenigen ermöglicht, die in der DDR geblieben sind. Das haben auch Leute wie wir in Bewegung gebracht“, sagt Huschak und holt eine Flasche Sekt aus dem Kühlschrank. „Auf die Freiheit“, sagt er und stößt mit seiner Frau an. „Ich bin stolz auf uns.“

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