Viernheim

In Martin Luthers Sinne

Zu "Wie ein Akt der Gegenreformation", "SHM"-Leserforum vom 7.11.

Am 30. Oktober 2017 gab es an der Albertus-Magnus-Schule einen Projekttag zu "500 Jahre Reformation". Als Abschluss hielt der renommierte Theologieprofessor Klaus Berger einen Vortrag, auf den hin Dr. Manfred W. Hellmann in einem Leserbrief die Frage aufwarf, ob es eine gute Idee war, Klaus Berger einzuladen, und er dies mit einem "Akt der Gegenreformation" verglich.

In der Tradition Luthers antworten wir auf Herrn Dr. Hellmann mit 9,5 Thesen:

1. Die Schulleiterin Dr. Ursula Kubera hat einen ganzen Tag für das Reformationsprojekt zur Verfügung gestellt, welches von den evangelischen Religionslehrern vorbereitet wurde. Zum einen verstehen wir es als eine große ökumenische Geste einer katholischen Schule, ein solches Reformationsprojekt zu ermöglichen, zum anderen planen evangelische Religionslehrer keine Gegenreformation.

2. Den von Dr. Hellmann geforderten "wunderschönen brüderlichen Gottesdienst" gab es für die ganze Schulgemeinde in den ersten beiden Stunden: für die Jahrgangsstufen 5 bis 9 in St. Michael mit Pfarrer Klaus Traxler, für die Oberstufe in der Auferstehungskirche mit Pfarrer Markus Eichler.

Eigene Thesen entwickelt

3. In der dritten und vierten Stunde bereiteten die Oberstufenschüler die anschließende Podiumsdiskussion mit Professor Berger vor, indem sie sich mit dem Kernpunkt der reformatorischen Lehre Luthers auseinandersetzten und dazu eigene Thesen entwickelten.

4. Professor Berger behauptete, dass Luther heute ein Piusbruder wäre, Luther sei erzkonservativ gewesen, da er entgegen der damals vorherrschenden aristotelischen Theologie auf Augustinus zurückgriff und ein weitaus strengeres Leben als andere Mönche führte. Die Piusbrüder reagierten wütend auf Bergers These als sie in der Tagespost veröffentlicht wurde.

5. Klaus Bergers Position wird weder von der Schulleitung noch von der evangelischen Fachschaft geteilt, aber in dem Vortrag ging es nicht um das Lutherverständnis der Albertus-Magnus-Schule, sondern um das des Referenten.

6. Bei der Diskussion übten zahlreiche Schülerinnen und Schüler Kritik an Bergers Thesen, dabei haben sie gelernt, die Meinung einer wissenschaftlichen Autorität zu hinterfragen.

Streitbarer Theologe

7. Die Berichterstatterin konnte nicht für die gesamte Dauer des Vortrags anwesend sein, sie ist noch zu dem Unterstufenprojekt der Albertus-Magnus-Schule gefahren und hat die Diskussion nicht mitbekommen.

8. Klaus Berger ist ein renommierter, provokanter und streitbarer Theologe, viele seiner Texte sind in Religionsbüchern abgedruckt. Anders als Luther, der bei dem Reichstag in Worms 1521 seine Thesen nicht verteidigen durfte und sie nur widerrufen sollte, sind unsere Schüler mit Berger in die Diskussion getreten. Sie haben sich den provokanten Thesen Bergers gestellt, sich mit dem Theologen mutig auseinandergesetzt und einen akademisch-kontroversen Diskurs kennengelernt.

9. Im Sinne der schulischen Streitkultur, im Sinne der Auseinandersetzung mit Autoritäten und im Sinne des reformatorischen Ansatzes möchten wir die gestellte Frage beantworten: Ja, es war eine gute Idee.

9.5. Luther hätte an einer solchen Diskussion seine helle Freude gehabt.

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