Viernheim

Erinnerungskultur Zehntklässler der Alexander-von-Humboldt-Schule besuchen Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau / Interview mit Holocaust-Überlebender Hannah Siboni

Jüdisches Schicksal erschüttert Schüler

Viernheim.Eiskalter Wind peitschte der Schülergruppe auf der Rampe des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau entgegen. Die Vorstellung, dass hier Hunderttausende von Menschen ihren letzten Gang antraten und Familien für immer auseinandergerissen wurden, war für die Zehntklässler der Alexander-von-Humboldt-Schule (AvH) nur schwer zu ertragen: Die Führung durch die Gedenkstätte stellte für die 48 Schüler das emotionalste und einprägsamste Erlebnis ihrer mehrtägigen Reise nach Krakau dar. Vor Ort informierten sie sich über das Schicksal der jüdischen Einwohner der polnischen Königsstadt während der deutschen Besatzung.

Schon die 1000 Kilometer lange Busfahrt von Viernheim nach Krakau nutzten die Schüler, um die Geschichte und die Bedeutung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau besser kennenzulernen. Ihre Lehrer Timm Clausen, Jens Koch und Ute Ranalder hatten umfangreiches Informationsmaterial dafür zusammengestellt, so dass auch der Nachmittag in Krakau für weitere Recherchen genutzt werden konnte.

Der aus Israel stammende Viernheimer Avi Daniel begleitete die Gruppe und sprach mit den Jugendlichen auf der Fahrt nach Auschwitz-Birkenau über die Bedeutung der Gedenkstätte. Er berichtete, wie dieser Ort die Menschen in Israel beeinflusst habe und wie er die israelische Identität bis heute präge. Für die Schüler sei es eine großartige Chance gewesen, einen Israeli und Menschen jüdischen Glaubens als Ansprechpartner dabei gehabt zu haben, der ihnen die Perspektive aus jüdischer Sicht aufzeigen konnte, teilt die AvH mit.

Vor allem die in Auschwitz-Birkenau aufgetürmten Berge von Schuhen, Brillen, Bürsten, menschlichen Haaren und Kinderspielzeugen gingen den Schülern nahe. Der Anblick machte allen klar, was die Menschen in diesem Lager zu ertragen hatten. Während die AvH-Gruppe die Würde dieses Ortes jederzeit achtete, taten es ihnen andere Besucher nicht gleich. Die Diskussion über Massentourismus nach Auschwitz-Birkenau, die erst kürzlich zum Jubiläum der Befreiung des Lagers wieder aufkam, konnten die Schüler gut nachvollziehen.

Viele Fragen an Zeitzeugin

Ein Höhepunkt der Exkursion war der Kontakt zu der Holocaust-Überlebenden Hannah Siboni, die 1938 im polnischen Zambrow geboren wurde und als kleines Mädchen die Morde unmittelbar miterlebte. Ihre ganze Familie wurde während des Holocausts ausgelöscht – nur sie konnte unter falscher Identität in einer katholischen Einrichtung überleben und zog nach dem Krieg nach Israel. In einem Videointerview beantwortete die Zeitzeugin viele Fragen, die ihr die AvH-Schüler im Vorfeld gestellt hatten. Das persönliche Schicksal von Hannah Siboni veranschaulichte die ganze Tragödie dieser Zeit und erschütterte die Viernheimer tief.

Die nächsten Tage der Reise wurden mit der Besichtigung von ehemaligen und aktiven jüdischen Einrichtungen in Krakau verbracht. So beeindruckte die Schüler insbesondere die Führung durch das Viertel Kazimierz mit seinen Synagogen und jüdischen Friedhöfen. Einige Ecken erkannten die Schüler als Drehorte des Spielfilms „Schindlers Liste“ wieder. Sehr positiv wurde der Besuch des Schindler-Museums im ehemaligen Gebäude der Deutschen Emaillefabrik wahrgenommen, denn sowohl die Ausstellung als auch die Führung waren museumspädagogisch gut gestaltet.

Während der Exkursion der Zehntklässler beteiligten sich die Oberstufenschüler der AvH an einem hessenweiten Projekt des Internationalen Zentrums für NS-Verfolgte, den Arolsen Archives. Einen Tag lang halfen sie beim Archivieren von Transportlisten für Auschwitz. „Das Arbeiten an den Originalquellen war für den Geschichtskurs eine große Erfahrung. Denn durch das Archivieren von Transportlisten werden aus Nummern menschliche Einzelschicksale, an die es zu erinnern gilt“, heißt es in der Mitteilung abschließend. cao/red

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