Viernheim

Kinderbetreuung Brief einer verzweifelten Mutter offenbart Situation für berufstätige Eltern / 80 Familien erhalten Absage

Kita-Plätze sind Mangelware

viernheim.Isabell Neumann ist verzweifelt. Die Friseurmeisterin und zweifache Mutter aus Viernheim möchte bald wieder in den Beruf einsteigen und hat schon einen unterschriftsreifen Arbeitsvertrag – in Mannheim soll sie ein Geschäft leiten. Doch zum Arbeiten bräuchte sie dringend einen Kita-Platz für ihren bald drei Jahre alten Sohn, und diese Hoffnung hat sich mit einem Brief von der Stadtverwaltung gerade endgültig zerschlagen.

„Die Absage trifft mich und etliche weitere Familien wirklich hart“, sagt Neumann, die zu dem Thema auch einen offenen Brief bei Facebook veröffentlicht hat, im Gespräch mit dieser Zeitung. Immer öfter müssten auch die Mütter nach der Geburt eines Kindes schnell wieder arbeiten gehen, damit das Geld im Haushalt ausreiche. Neumann will sich nun mit anderen Betroffenen vernetzen, von der Stadt erwarte sie konkrete Lösungen. Sie sei bei Nachfragen mit Verweis auf die angespannte Lage immer wieder vertröstet worden, sagt Neumann. Das ändert nur nichts an der Absage, die sie vor einigen Tagen in ihrer Post fand.

Weiterer Neubau bis 2020

Solche Schreiben gingen in den vergangenen Tagen bei vielen Familien ein. Laut Bürgermeister Matthias Baaß sind rund 80 Kinder im Alter ab drei Jahren noch ohne Platz, obwohl sie einen Rechtsanspruch auf Betreuung haben. Es fehlt in Viernheim also an Plätzen in den Kindertagesstätten. „Diese grundlegende Situation ist nichts Neues“, teilt Baaß auf Anfrage mit.

Bereits seit Jahren könne die Stadt nicht allen Kindern, die darauf einen Rechtsanspruch haben, einen Betreuungsplatz in einer Kindertagesstätte anbieten. Beispielhaft führt Baaß ältere Zahlen an. Zu Beginn des Jahres 2014 gab es 969 Plätze, im Sommer desselben Jahres standen dem Angebot dann 1168 Kinder mit Rechtsanspruch auf einen Platz gegenüber. Erst im November öffnete die Kita „Entdeckerland“ an der Walter-Gropius-Allee mit 115 Betreuungsplätzen. Für die langfristige Verbesserung der Situation laufen derzeit aber auch die Vorbereitungen für den Bau einer weiteren Kita am Heinrich-Lanz-Ring. Die Stadt will auf „Nummer sicher“ gehen und für den Fall der Fälle einen alternativen Standort intern prüfen lassen. Im September 2020 soll die neue Kita dann in Betrieb gehen.

Nach Angaben von Baaß kostet eine neue Kita beim Bau rund drei Millionen Euro. Einen Teil dieser Baukosten könne die Stadt dann zwar refinanzieren, etwa über Zuschüsse aus Bundesmitteln. Der Betrieb jeder Kita koste aber eine halbe Million Euro pro Jahr. Diese Kosten sind von der jeweiligen Kommune aufzubringen. „Die Ausgaben der Stadt werden weiter steigen“, bekräftigt Baaß. „Alle Bürgermeister, auch ich, freuen sich natürlich über viele Geburten, was gibt es Schöneres in einer Stadt und für die Eltern.“ Dass aber die Stadt die Kosten zum größten Teil selbst schultern müsse, nennt Baaß „unerträglich“. Die Investitionen für die Kinderbetreuung verdrängten regelmäßig andere, ebenfalls wichtige Bauten wie Brücken, Sportplätze oder soziale Einrichtungen aus den Planungen.

Die Stadt möchte nun aber jenen Eltern Hilfe anbieten, die eine Absage bekommen haben. „Wir prüfen derzeit die Möglichkeit, weiteren Eltern zu helfen, die jetzt keine Zusage erhalten haben, um diesen nicht erst zum September 2020 eine Möglichkeit zu bieten, sondern früher“, betont Baaß. Konkrete Details dazu könnten im Moment aber noch nicht genannt werden.

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