Viernheim

Gedenken Bürgermeister Matthias Baaß stellt seine Ansprache zum Volkstrauertag auf viernheim.de

„Kriege fallen nicht vom Himmel“

Viernheim.„In Viernheim leben rund 900 Bürger, die 85 Jahre oder älter sind: Für sie ist die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ganz bestimmt keine flüchtige Erinnerung, sondern immer noch bittere Erfahrung.“ Bürgermeister Matthias Baaß mahnt am Volkstrauertag, das Leben in Freiheit, Demokratie und Frieden besonders zu würdigen.

Alljährlich gedenken die Viernheimer der Opfer der beiden Weltkriege und der Opfer der Kriege heutiger Tage. Die Stadt Viernheim, der Sozialverband VdK und der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge laden zu diesem Gedenken ein. Corona-bedingt findet in diesem Jahr keine öffentliche Feierstunde statt, im Stillen legen Bürgermeister Matthias Baaß, Alois Thurner (VdK) und Randoald Reinhardt (Kriegsgräberfürsorge) die Kränze am Denkmal auf dem Friedhof Lorscher Straße nieder.

„Es trifft Familien gleichermaßen“

Bürgermeister Matthias Baaß hat seine Ansprache in der Friedhofskapelle auf Video aufgenommen, die auf der städtischen Homepage viernheim.de veröffentlicht ist. Er zitiert darin aus Briefen eines jungen Soldaten. Karl erzählt seinen Eltern nicht nur vom hochprozentigen französischen Schnaps, oder bittet um ein Päckchen mit Kuchen, sondern schreibt aus Russland: „Ich bin froh, wenn ich die zwei Stunden Posten-Zeit hinter mir habe und noch am Leben bin. Hier wird geschossen wie verrückt. In der Nacht ist es am schlimmsten. Man darf den Kopf nicht über die Deckung halten, sonst ist es passiert.“ Wenige Tage später ist der junge Soldat tot. Briefe wie der von Karl geben einen Einblick in die damalige Situation der Soldaten, ihre Angst und Hoffnung. „Diese Briefe gibt es als überlieferte Dokumente in jedem europäischen Land – in Viernheim und in unseren Partnerstädten. Sie verdeutlichen, dass das Leid in jedem Land die Familien gleichermaßen getroffen hat“, sagt der Bürgermeister.

2020 sei ein besonderes Gedenkjahr. Man solle nicht nur an die Zeit der Kriegsgefangenschaft, der Flucht oder des Hungers denken, sondern sich auch die Leistungen der Verständigung und Annäherung ins Bewusstsein rufen: „Vor 70 Jahren legte der französische Außenminister Robert Schuman den Grundstein für unser heutiges Europa. Vor 50 Jahren wurde mit den Verträgen von Moskau und Warschau die Aussöhnung mit unseren östlichen Nachbarn vorangebracht, vor 30 Jahren wurde Deutschland wiedervereinigt“, zählt Baaß auf.

Am Volkstrauertag sei es wichtig, nicht nur auf die Kriege wie den Zweiten Weltkrieg mit über 60 Millionen Toten zurückzublicken. Das habe schon Richard von Weizsäcker erkannt: „Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahr.“

Für Baaß sind Kriege keine Naturkatastrophen: „Sie fallen nicht einfach vom Himmel.“ Kriege würden lange vorher vorbereitet: mit Feindbildern, autoritären Denkmustern und Propaganda. „Jeder Tendenz dieser Art müssen wir entgegentreten“, fordert das Stadtoberhaupt in der Ansprache, „wir sind dazu verpflichtet, um all jenen, die getötet wurden, damit die Ehre zu erweisen.“ su

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