Viernheim

Gericht 25-Jähriger muss nach lebensgefährlichem Angriff für drei Jahre und zwei Monate in Haft

Messerstecher verurteilt

Viernheim/Darmstadt.„Sein ganzes Leben ist aus den Fugen geraten“, schildert die Mutter eines 18 Jahre alten Schülers aus dem Gorxheimertal vor dem Landgericht Darmstadt die Folgen eines Messerangriffs auf ihren Sohn. Seit er den Angeklagten im Gerichtssaal gesehen und erfahren habe, wie denkbar knapp er dem Tod entronnen sei, gehe es ihm schlecht. In einem ärztlichen Schreiben ist die Rede von einer posttraumatischen Belastungsstörung. Der Geschädigte war im Prozess als Nebenkläger zugelassen.

Ein 25 Jahre alter Mannheimer musste sich seit Anfang November wegen der lebensgefährlichen Attacke verantworten (wir berichteten). Die Anklage lautete auf versuchten Totschlag. Verurteilt hat ihn das Schwurgericht nach mehrtägiger Beweisaufnahme zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und zwei Monaten wegen gefährlicher Körperverletzung.

Wie schon zuvor Staatsanwalt Ansgar Martinsohn hatte die Kammer von einem beabsichtigten Tötungsdelikt Abstand genommen. Richter Witzemann gab an, dass der Geschädigte den Angeklagten durch eine Ohrfeige provoziert habe. Daraufhin habe ihm der Mannheimer mehrere Schläge verpasst und mit seinem Messer drei Mal Richtung Brust und Hals gestochen. Da der Schüler danach noch laufen konnte, habe der Täter nicht gewusst, wie schwer die Verletzungen waren. Der Täter stand bei Tatbegehung unter Drogen- und Alkoholeinfluss. Er hat die Prozesskosten und die Kosten für den Nebenkläger-Vertreter zu tragen. Außerdem hat er sich zur Zahlung eines Schmerzensgeldes von 10 000 Euro verpflichtet.

Halsschlagader knapp verfehlt

„Eine Nichtigkeit. Wahnsinn“, nannte der Kammervorsitzende in der Urteilsbegründung den Auslöser der Auseinandersetzung, die sich zu einem Kampf um Leben und Tod steigerte. Auf einer Geburtstagsparty im Vereinsheim der SG 1983 Viernheim waren sich die beiden am 22. Februar zum ersten Mal begegnet. Als der Bergsträßer Schüler dem Fremden die Hand reichen wollte, um sich vorzustellen, dieser aber die Geste ignorierte, revanchierte sich der 18-Jährige mit der Ohrfeige.

„Es war eine Frage von Millimetern. Der Mann hätte tot sein können“, machte der Richter dem mehrfach vorbestraften Mannheimer deutlich. Der Stich in den Hals war 1,2 Zentimeter breit und verfehlte nur knapp die Halsschlagader. Der Stich in den Bauch war 1,3 Zentimeter breit und verletzte die Milz.

Erstmals äußerte sich der 25-Jährige am vierten Prozesstag zum Vorwurf gegen ihn und legte ein Geständnis ab. Er habe das Messer zum Schutz eingesteckt und „nicht darüber nachgedacht, dass ich jemand damit töten kann“. Den Geschädigten nannte er „aufdringlich. Ich gebe selten jemandem die Hand, den ich nicht kenne.“ Der Fremde habe sich „auf eine höhere Stufe gestellt“. Als er zugestochen habe, habe er die Kontrolle verloren.

Der Staatsanwalt hatte eine Strafe von drei Jahren und vier Monaten beantragt. Nebenkläger-Vertreter Jens Klein schloss sich dem Antrag an und warnte den Angeklagten davor, „jemals wieder ein Messer in die Hand zu nehmen“. Verteidiger Dubravko Mandic sprach von einer „Explosion von Gewalt als Antwort auf die Ohrfeige“. Seinen Mandanten bezeichnete er als Person, die „ein Stück weit kriminell ist. Er lebt in einer Welt, in der es besser ist, nicht das Opfer zu sein.“ Er habe jedoch ohne Tötungsabsicht in einer Notwehrsituation gehandelt.

Ausführlich hatte der psychiatrische Sachverständige Klaus Demisch zuvor Persönlichkeitsdefizite, Empathiemangel, eine Impulskontrollstörung, ein hohes Aggressionspotenzial und eine nazistische Persönlichkeit des Täters offenkundig gemacht. Aufgrund von langjährigem Drogenkonsum stufte ihn Demisch als vermindert schuldfähig ein und empfahl die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt. Dieser Einschätzung widersprachen sowohl Staatsanwalt als auch Kammer.

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