Viernheim

Fastnachtsumzug Zuschauer bejubeln Garden, Musiker und Motivwagen / Party beginnt schon vor dem offiziellen Startschuss / Zahlreiche Helfer im Einsatz

Narren tanzen sich in der City warm

Viernheim.Punkt 14.11 Uhr legen sechs Cowboys auf der Kreuzung vor dem Viernheimer Bürgerhaus die Gewehre an und feuern. Mit den Salutschüssen der Sportschützen geht der Fastnachtsumzug los – zumindest offiziell. Bei einigen Zugteilnehmern klingt da aber das „Ahoi“ schon ziemlich heiser. Denn für sie hat die Party viel früher begonnen.

„Wir haben schon vor zwei, drei Stunden angefangen zu feiern“, ruft eine grüne Außerirdische vom Motivwagen des Liederkranzes. Seit 13 Uhr steht der große Anhänger des Vereins mitsamt Traktor auf der Kreuzstraße – und das keineswegs allein. Davor und dahinter reihen sich nach und nach die anderen 54 Zugnummern ein und drehen auch gleich ihre Musikanlagen auf. „Humba Täterä“ mischt sich mit „Das rote Pferd“, Musikkapellen spielen sich warm und knallbunt verkleidete Menschen hüpfen derart ausgelassen auf den Motivwagen herum, dass die Dekoration wackelt. „Dann ist es beim Warten nicht so kalt“, erklärt die Außerirdische.

Abgeschaut haben sich die Besatzungen der Wagen diese Taktik von den Gardemädchen des Clubs der Gemütlichen. Deren Minirock ist nicht der beste Schutz gegen den kalten Wind. Doch die Mädchen wissen, was warm hält: Dicke Strumpfhosen, Stulpen, Fleecejacken – „und tanzen“, ruft ein Funkemariechen lachend, während sie ihre Beine im Takt der Musik in die Luft wirft. Trotzdem sind auch die Gardemädchen froh, als der Salutschuss den närrischen Lindwurm endlich in Bewegung setzt.

Vom ersten Meter der Umzugsstrecke an, vor allem aber im Zentrum des närrischen Treibens auf dem Apostelplatz, stehen die Viernheimer dicht an dicht, um den Zugteilnehmern zuzujubeln. Die Warmhalte-Strategie der Funkemariechen greift blitzschnell um sich: Sobald der Zug um eine Straßenecke biegt, fangen die dort stehenden Hexen, Indianer, Einhörner und Vampire an, ausgelassen zu tanzen und zu singen. Viele haben aber auch privat vorgesorgt und vor ihren Häusern Glühweinstände und Bars aufgebaut. Andere machen es wie Zuschauer Herbert: „Ich kann nur empfehlen, sich als Skifahrer zu verkleiden. Wärmer geht’s nicht“, erklärt er grinsend und verschwindet im Getümmel der Feiernden.

Kinder sammeln eifrig Süßigkeiten

Am wenigsten frieren aber die Kinder, die entlang der Strecke im Rekordtempo die Süßigkeiten aufsammeln, die von den Wagen auf die Zuschauer regnen. Den erwachsenen Besuchern heizen derweil die Musikkapellen ein – egal, ob mit Samba-Rhythmen wie die „Dramaturgen“ oder mit Guggemusik wie „Verne hoch drei“, die Spielgemeinschaft von Stadtorchester, Herolden und Feuerwehr-Musikkorps. Auch die Musik der Freiwilligen Feuerwehr Lorsch kommt gut an – bis auf eine Kleinigkeit. Auf ihr vielstimmig gerufenes „Helau“ bekommen die auswärtigen Fastnachter hartnäckig ein doppelt so lautes Viernheimer „Ahoi“ als Antwort.

Von solchen Feinheiten bekommt so mancher Fahrer nichts mit. „Das ganze Führerhaus dröhnt im Takt der Bässe aus unserer Musikanlage“, ruft Jürgen aus dem Cockpit des Malteser-Lastwagens und sehnt sich nach dem Oropax, das vom Wagen des „Äbblwoi-Stommdisch Verne“ verteilt wird – leider 21 Zugnummern weiter vorne.

Zuschauer, die die Lärmdämpfer ergattert haben, können sich dagegen ganz in Ruhe den Botschaften widmen, die viele der aufwendig geschmückten Motivwagen zieren. Da fürchten sich zum Beispiel die Zwiwwelgroiner vor der neuen Müllabfuhr und schreiben: „Dem Hofmann alles Gute, beim ZAKB wer’n ma blute.“ Das Technische Hilfswerk nutzt die Gelegenheit, um Nachwuchs anzuwerben: „Jung und blau – wir brauchen Mann und Frau.“ Schon etwas resigniert klingt dies indes beim Liederkranz: „Wir kriegen keine Sänger mehr, drum müssen Außerirdische her.“

Nicht als Außerirdische, sondern als Astronauten feiern die Malteser, auf deren Wagen steht: „Acht Minuten und 17 Sekunden braucht das Licht von der Sonne zur Erde. Wir sind schneller“ – und zwar auch im Einsatz am Rande des Fastnachtsumzugs. Dort sorgen neben den Sanitätern Feuerwehr und THW dafür, dass alles rund läuft: dass Straßen gesperrt sind, der Weg für den Zug frei ist und jeder, der Hilfe braucht, schnell welche bekommt – auch lange, nachdem die Gruppen vorbeigezogen sind. „Bis 17 Uhr sind wir im Dienst. Zumindest offiziell“, ruft eine Helferin über die dröhnende Musik auf dem Apostelplatz hinweg. Aber an festgelegte Zeiten hält sich die Party ohnehin nicht – weder am Anfang noch am Ende.

Info: Fotostrecke unter morgenweb.de/viernheim

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