Viernheim

Soziales Stadtspaziergang des Beteiligungsforums Handicap / Passanten können Umgang mit Rollstühlen und Rollatoren ausprobieren

Parcours macht alltägliche Barrieren deutlich

Archivartikel

Viernheim.Bei einem besonderen Stadtspaziergang wollte das Beteiligungsforum Handicap Menschen ohne Behinderung auf die Barrieren aufmerksam machen, die für Menschen, die auf Rollator, Rollstuhl oder Blindenstock angewiesen sind, im öffentlichen Raum bestehen. Gleichzeitig wollte das Beteiligungsforum Bürger für die Belange von Menschen mit Behinderung sensibilisieren und für bessere politische Vertretungsmöglichkeiten werben.

Hierzu war ein Stand mit Informationsmaterial auf dem Apostelplatz aufgebaut. Broschüren beschäftigten sich zum Beispiel mit barrierefreiem Wohnen, der Arbeit des Sozialverbands VdK, oder Fortbildungen für Blinde und Sehbehinderte. Als Hauptattraktion war jedoch ein Parcours des Bundesverbandes für Selbsthilfe Körperbehinderter aufgebaut. Darin waren verschiedene Hindernisse mit Rollstuhl oder Rollator zu meistern.

Auch Bürgermeister Matthias Baaß lies es sich nicht nehmen, mit einem Rollstuhl zum Rathaus zu fahren, um dort die Rollstuhlfahrerrampe auszuprobieren, während sich Stadtverordnetenvorsteher Norbert Schübeler mit verbundene Augen und ausgerüstet mit einem Blindenstock über den Platz führen ließ. Die Rampen des Parcours waren aber auch für Kinder mit Dreirädern eine Attraktion.

15 aktive Mitglieder

Gegründet wurde das Beteiligungsforum für Menschen mit Handicap im Herbst 2017 auf Anregung der Stadtverwaltung – vertreten durch Horst Stephan. Heute sind rund 15 Personen in ihm aktiv. In der Öffentlichkeit vertreten wird das Beteiligungsforum durch Karin Furman-Villanueva, Walter Kempf und Hermann Weidner. Vertreten sind im Beteiligungsforum Menschen mit Behinderungen, die die Bewegungsmöglichkeiten einschränken, aber auch Sehbehinderte und Blinde sowie Menschen mit Darmerkrankungen und psychischen Behinderungen.

Hermann Weidner sieht eines der Hauptprobleme für die Belange behinderter Menschen in der mangelnden rechtlichen und politischen Verankerung ihrer Interessenvertretung, wie er erklärte: „Es gibt bei der Stadt eine Gleichstellungsbeauftragte, die sich um die Rechte von Frauen kümmert, aber für Behinderte gibt es dieses Amt noch nicht.“

Zwar wurde das Teilhabegesetz 2009 verabschiedet, aber seine Umsetzung verlaufe äußerst schleppend, so Weidner. Langfristiges Ziel müsste es sein, eine ähnlich institutionalisierte Interessenvertretung wie sie mit dem Ausländerbeirat für ausländische Mitmenschen existiert, zu etablieren. Obwohl er bereits jetzt in der Stadtverwaltung immer ein offenes Ohr finde, würde eine solche Institution die Einflussmöglichkeiten von behinderten Menschen auf die Stadtpolitik bedeutend stärken.

Bei einem Behindertenspaziergang vom Woolworth zum OEG-Bahnhof hatte sich die nicht behindertengerechte Ampelanlage zur Überquerung der Weinheimer Straße als besonderes Hindernis erwiesen. Auch bei den Behindertentoiletten gebe es noch Verbesserungspotential. Die Toiletten – so Weidner – sollten mit Schließanlagen mit Euro-Schlüssel ausgestattet sein, um sie vor Vandalismus zu schützen.

Als Nächstes ist ein langer Spaziergang vom Woolworth ins Rhein-Neckar-Zentrum geplant. Bis zu einer adäquaten Inklusion von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft – die nicht nur bauliche Maßnahmen, sondern auch eine Integration in gesellschaftliche Aktivitäten umfasst – ist laut Weidner noch einen lange Wegstrecke zurückzulegen.

Zumindest mit der Veranstaltung auf dem Apostelplatz konnten alle Beteiligten zufrieden sein. Harald Hofmann, der bei der Stadt für die Engagementförderung zuständig ist, sagte: „Wahrscheinlich bleibt bei der Bevölkerung davon etwas hängen“.

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