Viernheim

Tandempartnerschaft Syrischer Flüchtling und Viernheimer Seniorin berichten von ihrer Freundschaft / Neue Integrationshelfer gesucht

„Sie ist für mich da – hört mir zu!“

Archivartikel

Viernheim.Inzwischen können sich Renate und Devran ein Leben ohne den anderen kaum vorstellen. Er spricht liebevoll als „Mami“ von ihr, und sie erinnern sein Charakter, seine Albernheiten an ihren verstorbenen Sohn. Was Renate und Devran verbindet, geht viel tiefer als die Tandempartnerschaft, die den syrischen Flüchtling und die Viernheimer Seniorin ursprünglich zusammengebracht hat: Was als Kontakt im Rahmen des Integrationsprojektes „Ich bin ein Viernheimer“ entstand, ist längst über die Sprachförderung und den beidseitigen kulturellen Austausch hinausgewachsen. Aus den zwei angedachten Stunden pro Woche wurden tägliche Telefonate und Treffen – aus den Tandempartnern wurden Freunde.

Renate und Devran heißen eigentlich anders, wollen ihre Namen aber nicht öffentlich nennen. Zu tief sitzt der Schreck, als Renate vor einiger Zeit nach einem Zeitungsbericht von einem Passanten aus heiterem Himmel fest am Arm gepackt, angeschrien und für ihr Engagement bei der Integration von Flüchtlingen in Viernheim beschimpft wurde. „Das war laut, unangenehm und peinlich“, erinnert sie sich, blickt auf den Boden und schüttelt den Kopf.

Große Dankbarkeit

Seitdem sie geflüchtete Menschen aktiv unterstütze, habe sich einiges geändert. „Es gibt frühere Bekannte, die heute die Straßenseite wechseln, wenn sie mir begegnen. Aber das ist in Ordnung“, sagt Renate. „Ich kann damit leben – und am Ende ist es deren Problem.“

Für ihre Unterstützung ist Devran seiner Viernheimer „Mami“ unendlich dankbar. „Wäre sie nicht da, ich würde noch im Rhein-Neckar-Hotel wohnen und hätte meine Ausbildung nicht weitergemacht“, erzählt er in gebrochenem Deutsch. Sie half ihm, eine eigene Wohnung zu finden und motivierte ihn beim Lernen für die Gesellenprüfung. „Und wenn ich reden will, meine Gefühle rauslassen muss, ist sie für mich da, hört zu“, berichtet Devran. Eine Eigenschaft, die für den jungen Syrer mindestens genauso wichtig ist wie die Sprachförderung und das Kennenlernen deutscher Gepflogenheiten, worauf die Tandempartnerschaft in erster Linie ausgerichtet ist. Die Freundschaft und die Kraft, die Renate und Devran sich gegenseitig geben, sei ein „Paradebeispiel dafür, was aus einer gelungenen Tandempartnerschaft werden kann“, sagt Gemeindereferent Herbert Kohl. Gleichzeitig betont der Ideengeber des Projektes aber, dass kein Teilnehmer in einem so intensiven Austausch mit seinem Schützling stehen muss. Ungefähr zwei Stunden pro Woche sollten die Tandempartner gemeinsam etwas unternehmen, sich einfach unterhalten, um Redewendungen kennenzulernen oder sich über die kulturellen Unterschiede ihrer Heimaten austauschen, erzählt Anke Winkler. Im Rahmen von „Ich bin ein Viernheimer“ vermittelt sie die Tandempartner. „Man braucht ein Gespür für Menschen, muss einschätzen können, wer zu wem gut passt“, sagt sie. Meistens klappe das gut. „Aber beide Partner können auch jederzeit das Projekt beenden, einen anderen Tandempartner bekommen, wenn sie nicht auf einer Wellenlänge sind.“

Schmierereien am Pfarrbüro

Mehr als 100 Viernheimer hätten sich 2015 und 2016 bei den großen Flüchtlingsbewegungen zu einer Tandempartnerschaft entscheiden, erklärt Kohl. „Am Anfang war das Engagement riesig, mittlerweile hat es abgenommen“, bedauert er. Zwar habe es bereits rechtsgerichtete Schmierereien an der Tür des Pfarrbüros geben, andere Fälle vom fremdenfeindlichen Übergriffen, wie Renate es erlebt hat, seien ihm aber nicht bekannt. „Sollte so etwas noch mal passieren, sind wir selbstverständlich für die Tandempartner da“, ergänzt Winkler.

Im Moment suchen Winkler und Kohl für acht iranische Flüchtlinge Menschen in Viernheim, die diesen die Integration in die Gemeinschaft erleichtern wollen. „Ein Anruf bei uns reicht schon aus“, sagt Winkler, und hofft auf viele Unterstützer.

Zum Thema
Das Wichtigste von heute
Newsticker Südhessen Ticker
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional