Viernheim

Senioren-Begegnungsstätte Stefan Ackermann beendet Literaturkreis „Die Entwicklung des Dramas“ mit Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“

Tragisch-groteske Elemente weisen neue Richtung

Archivartikel

Viernheim.Sind „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt (1921 bis 1990) nun eine Tragikomödie oder eine Groteske? Auf jeden Fall habe das Stück, getreu der Dramentheorie von Dürrenmatt am Ende die schlimmst mögliche Wendung genommen, sagte Literaturexperte Stefan Ackermann zum Abschluss seines Kurses „Die Entwicklung des Dramas“.

Ackermanns Kurs in der Senioren-Begegnungsstätte führte an elf Nachmittagen durch die Geschichte des deutschsprachigen Dramas. Er begann im 18. Jahrhundert mit Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“ bei der Aufklärung, und führte über die Epoche des „Sturm und Drang“ (Friedrich Schillers „Kabale und Liebe“) zur Klassik (Johann Wolfgang von Goethes „Iphigenie auf Tauris“).

Stücke der Nachkriegszeit

Sodann widmete Ackermann vier Nachmittage den Dramen des 19. Jahrhunderts. Von Heinrich von Kleists „Prinz von Homburg“ ging es über die Epoche des „Vormärz“ (Georg Büchners „Woyzeck“) und den Naturalismus (Gerhart Hauptmann: „Die Weber“) bis hin zu Frank Wedekinds „Frühlingserwachen“.

Aus dem 20. Jahrhundert interpretierte Ackermann Werke des Expressionismus (Georg Kaiser: „Die Bürger von Calais“) sowie des epischen Theaters (Bertolt Brecht: „Der gute Mensch von Sezuan“). Zu den Stücken der Nachkriegszeit gehörte Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“, zur Moderne Max Frischs „Andorra“ und eben Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“ von 1962. Prägnant arbeitete Ackermann die eigenständigen Charakteristika der jeweiligen Literaturepochen heraus.

So war die Aufklärung ganz von dem bildungsbürgerlichen Ideal der Toleranz geprägt, während im Vormärz und im Naturalismus die soziale Lage der unteren Schichten stark in den Mittelepunkt des Interesses der Autoren rückte. Schließlich entwickelten Bertolt Brecht (1898 bis 1956) und Erwin Piscator (1893 bis 1966) eine gänzlich neue Form der Theateraufführung: das epische Theater. Im Gegensatz zu der von Lessing aufgestellten Dramentheorie sollten beim epischen Theater nicht mehr Furcht und Mitleid beim Zuschauer hervorgerufen werden. Vielmehr sollte dieser zum kritischen Mitdenken angeregt werden.

Brecht und Piscator appellieren nicht an die Gefühle der Zuschauer, sondern an deren Vernunft. Dies erreichte Brecht durch Verfremdungseffekte wie „Songs“ oder „Kommentare“ der Schauspieler, die sich direkt ans Publikum richten. So durchbrechen die Schauspieler die imaginäre „vierte Wand“.

Bei „Die Physiker“ hat Dürrenmatt laut Ackerman in der Fortentwicklung der Brechtschen Theorie tragisch-groteske Elemente in seine Stücke ein – zum Beispiel die Irrenärztin Mathilde von Zahnd als einzig wahre Irre. Dürrenmatt schuf somit laut Ackermann einen eigenen Typus der Tragikkomödie.

Zum Thema
Das Wichtigste von heute
Newsticker Südhessen Ticker
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional