Viernheim

Migration Wanderausstellung „Deutsche aus Russland. Geschichte und Gegenwart“ im Ratssaal eröffnet / Vortrag von Projektleiter Jakob Fischer

Tragisches Schicksal einer Minderheit

Viernheim.„Was haben Emilia Schüle und Helene Fischer gemeinsam?“ Die Antwort auf diese Frage gab es nun bei der Eröffnung der Ausstellung „Deutsche aus Russland. Geschichte und Gegenwart“ im Viernheimer Ratssaal. Gestellt hatte die Frage in seinem Grußwort der Erste Stadtrat Jens Bolze und er sagte auch gleich, warum. Sowohl die Schauspielerin als auch die Sängerin haben deutsche Wurzeln, wurden aber in Russland geboren und sind später nach Deutschland umgesiedelt. „Sie sind leuchtende Beispiele gelungener Integration“, erklärt Bolze.

„Vorurteile abbauen, Verständnis schaffen“: Das, so der Erste Stadtrat, seien die Ziele der Wanderausstellung, die nun für einen Monat im Rathaus zu sehen sein wird. Das zu schaffende Verständnis beginne schon bei der Bezeichnung der Menschen, um die es gehe: „Sie sind Deutsche aus Russland, nicht Russlanddeutsche“, betonte Bolze. Letzteres sei fast schon eine Beleidigung. Für diese Aussage bekommt er im Saal Zustimmung, mehrere Zuhörer nicken eifrig.

Auf 24 Stellwänden

Die Ausstellung präsentiert auf 24 Stellwänden die Geschichte und das teils tragische Schicksal der deutschstämmigen Minderheit in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Behandelt wird aber auch die gegenwärtige Situation von Spätaussiedlern und ihren Nachkommen.

Erstellt hat die Ausstellung die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland. Das Bundesinnenministerium und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge fördern die Schau, die seit mehr als 20 Jahren durch ganz Deutschland tourt.

Bei den Eröffnungen immer dabei ist Projektleiter Jakob Fischer. Der frühere Lehrer für Deutsch und Geschichte wurde 1955 in Kasachstan geboren und lebt heute in Nördlingen. Für sein Engagement bekam er vor kurzem das Bundesverdienstkreuz. Im Viernheimer Ratssaal hielt Fischer nun einen informativen Vortrag, den er mit kurzen Filmen und traditionellen Liedern erweiterte.

Zarin Katharina die Große war es, die 1763 deutsche Siedler in mehr oder weniger menschenleere Gebiete rief. Versprochen wurde ihnen nicht nur Religionsfreiheit, die Zuteilung von Land und die Befreiung vom Militärdienst. Auch sollten sich die Deutschen weitgehend selbst verwalten.

Auf Integration wurde kein Wert gelegt. Die Immigranten durften weiterhin alles auf Deutsch erledigen. Es gab deutsche Schulen und zeitweise sogar eine deutschsprachige Justiz. „Das russische Wort für deutsch bedeutet auch stumm, weil sich die Einheimischen nicht mit den Siedlern verständigen konnten“, erklärt Fischer.

Im 18. und 19. Jahrhundert kamen zahlreiche Einwanderer, unter anderem aus Hessen und der Pfalz. 1913 lebten mehr als zwei Millionen Deutschstämmige in den russischen Siedlungsgebieten.

Dramatisch verschlechterte sich ihre Situation durch die beiden Weltkriege. Aufgrund der gemeinsamen Abstammung wurden sie mit dem Gegner Deutschland in Verbindung gebracht. Unter Stalin wurden die meisten Deutschen in Russland deportiert, unter anderem nach Sibirien. Viele von ihnen mussten Zwangsarbeit leisten. „Meine Großmutter wurde gezwungen, bei Temperaturen von 40 bis 50 Grad Baumwolle zu pflücken“, berichtet Fischer. Nach Stalins Tod gab es nach und nach leichte Verbesserungen, aber die Situation blieb schwierig. Bestrebungen, wieder autonome Gebiete zu bekommen, wurden von der sowjetischen beziehungsweise der russischen Führung abgelehnt. Vor allem ab den 1980er Jahren, als sich die Beziehungen zwischen Ost und West entspannten, nutzten daher viele Deutschstämmige die Gelegenheit, um in die Bundesrepublik überzusiedeln.

Hohe Kosten befürchtet

Dort wurden sie jedoch, auch aufgrund befürchteter hoher Kosten, von Politikern und Bevölkerung nicht nur mit offenen Armen empfangen. Als Beispiel zeigte Fischer einen Teil einer Rede Oskar Lafontaines aus den 1990er Jahren, in der dieser sich für eine Begrenzung des Zuzugs von Spätaussiedlern aussprach. „Durch ihr geringes Durchschnittsalter sind Deutsche aus Russland heute aber sogar eine Bereicherung für das Rentensystem“, so Fischer. Die meisten seien gut integriert. Auch zur Kultur trügen sie vieles bei: „Ein sehr gutes Beispiel ist natürlich Helene Fischer.“

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