Viernheim

Bildung Lernmobil stößt bei Integrationsarbeit wegen der Corona-Beschränkungen immer wieder an Grenzen / Größere Räume für Lerngruppen gesucht

Unsicherheit weicht Zuversicht

Viernheim.Gerd Baltes beginnt mit den guten Erfahrungen: Der Kreis Bergstraße und das Land Hessen haben die Finanzierung während des Corona-Lockdowns nicht eingestellt, weil sie die Strukturen aufrecht erhalten wollten für die Zeit danach. „So konnten wir unsere Mitarbeiter weiterbezahlen und mussten sie nicht in Kurzarbeit schicken.“ Wir sprechen mit Gerd Baltes und Larysa Kay-Kulakowski vom Viernheimer Lernmobil über die Arbeit des Vereins für Integration in Zeiten von Corona. Das Spektrum ihrer persönliche Erfahrungen reicht von „richtig platt“ bis zur Zuversicht, die mit den Lockerungen zurückkehrt.

Baltes ist Mitgeschäftsführer der Viernheimer Institution in Sachen Integration von Migranten und für den Kinder- und Jugendbereich zuständig. Kay-Kulakowski leitet den Fachbereich Erwachsenenbildung. Zwei Bereiche mit vielen Gemeinsamkeiten und doch vollkommen unterschiedlich im Alltagsbetrieb.

Kontaktpflege wichtig

Als Mitte März Schulen und Kitas geschlossen wurden, „hat das eine ungeheure Unsicherheit bei den Mitarbeitern ausgelöst“, sagt Baltes. „Die Leute wussten nicht, wie es mit ihnen weitergeht. Wir wussten es auch nicht. Das war hochproblematisch.“ Bis schließlich klar war, dass Kreis und Land ihren Anteil weiterzahlen.

Dazu kam jedoch die Ungewissheit, wie es mit den Beiträgen der Eltern weitergeht; ihr Anteil macht 50 Prozent aus. Das Lernmobil hat das Geld zunächst weiterhin eingezogen. Ende Juni beschloss der Kreis, die Elternbeiträge zu übernehmen. „Bis dahin hingen wir in der Luft“, so Baltes. Dann ist ja alles geregelt. „Ja, aber nur bis Ende dieses Schuljahres. Es besteht nach wie vor Unsicherheit, wenn auch nicht mehr so dramatisch wie zu Beginn der Krise.“ Die Mitarbeiter haben die Zeit des Lockdowns genutzt, um Kita-Räume zu renovieren und sich fortzubilden.

Besonders große Sorgen hat die Schwerpunkt-Kita am TiB den Lernmobil-Leuten gemacht. Die Kinder dort brauchen besonders intensive Betreuung, nicht nur, was die Sprache betrifft. „Damit sie nicht hinten runter fallen“, sagt Baltes. Nicht persönlich bei ihnen sein zu können, sei sehr schwierig gewesen. „Aber wir haben jeden Tag mit jedem Kind telefoniert. Und mit den Eltern. Damit zumindest der Kontakt nicht abbricht.“ Später haben die Viernheimer Rotarier 30 Tabletts gestiftet, so konnte zumindest der Leseunterricht wieder aufgenommen werden.

Der Regelbetrieb in Kitas und Schulen läuft wieder, ohne Abstandsgebot innerhalb der Klassen. Die Sprachkurse des Lernmobils setzen sich allerdings aus Kindern verschiedener Klassen und Jahrgängen zusammen. Das heißt, hier greift die Abstandsregel. „Dazu haben wir nicht die Räume. Wir suchen gerade nach Lösungen“, erklärt Geschäftsführer Baltes.

Larysa Kay-Kulakowski schließt sich hier für den Erwachsenen-Bereich nahtlos an. In den Sprachkursen dürfen maximal 15 Teilnehmer sitzen – mit 1,5 Metern Abstand um jeden einzelnen. Dazu reichen auch ihr die bisherigen Räume nicht. Nun hat das Lernmobil beispielsweise bei Kirchen angeklopft; sie verfügen oft über große Räume.

Noch dazu sind viele Kurse größer als 15 Teilnehmer. Gerade wird ausprobiert, die Kurse zu teilen. Die einen kommen zum Unterricht, die anderen nehmen per Video teil. „In den Prüfungsvorbereitungen wird sich herausstellen, ob wir alle Teilnehmer haben mitnehmen können“, sagt Kay-Kulakowski.

Der Unterricht per Video beim Lockdown hat schon an den Regelschulen große Schwierigkeiten bereitet. „Bei Sprachkursen für Migranten potenziert sich das“, so die Fachbereichsleiterin. Nur ein Beispiel aus der Praxis: „Ich sage einer Teilnehmerin, sie soll das Fenster schließen. Ich meine ein Fenster am Bildschirm. Die Frau aber steht auf und macht das Küchenfenster zu. Im Präsenz-Unterricht können wir mit dem Finger auf Bildschirm oder Tastatur zeigen, online geht das nicht.“ Das mit dem Fenster, sollen wir das wirklich schreiben? Machen wir die Leute nicht lächerlich? „Aber nein“, winkt Gerd Baltes ab. „Das ist doch die Lebenswirklichkeit.“ Und keiner könne etwas dafür.

Diejenigen, die nicht lesen und schreiben können, auch nicht in der Muttersprache, „konnten wir digital nicht erreichen“, bedauert Kay-Kulakowski. „Sie brauchen Präsenz-Betreuung.“ Etwa ein Viertel der Lernmobil-Klientel sind Analphabeten.

Wenn die Krise so etwas wie eine Chance bedeuten könnte, dann sei es der Druck, sich mit Technik vertraut zu machen, sagt Kay-Kulakowski. „Wir wissen alle, dass es notwendig ist. Aber durch Corona geht es jetzt viel schneller.“ Baltes sagt, die große Unsicherheit der ersten Wochen sei der Zuversicht gewichen, auch wenn viele Unwägbarkeiten blieben. Und die Angst vor einer zweiten Welle. Dann ballt er die Hand zur Faust, als wolle er sagen: „Weiter machen!“

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