Viernheim

Vortrag Reinhard Schreiner beschreibt in der Kulturscheune den Weg der deutsch-französischen Aussöhnung

Von der Erbfeindschaft bis zur engen Erbfreundschaft

Archivartikel

Viernheim.Am 22. Januar diesen Jahres haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Staatspräsident Emmanuel Macron in Aachen feierlich einen neuen deutsch-französischen Freundschaftsvertrag unterzeichnet. Dies geschah am 56. Jahrestag der Unterzeichnung des historischen Élysée-Vertrags durch Konrad Adenauer und Charles de Gaulle am 22. Januar 1963. Dieser Meilenstein der deutsch-französischen Aussöhnung wurde nun seinerseits durch den neuen Vertrag vertieft und intensiviert. Aus diesem Anlass erinnerte Reinhard Schreiner in seinem Vortrag für die Volkshochschule Viernheim „Vom Feind zum Freund. Die deutsch-französischen Beziehungen 1949 bis 1963“ an die Aussöhnung zwischen den einstmaligen „Erbfeinden“ Deutschland und Frankreich.

Wechselhafte Beziehungen

Reinhard Schreiner ist Historiker und Romanist und war 34 Jahre lang wissenschaftlicher Mitarbeiter der Konrad-Adenauer-Stiftung. Er begann seine Ausführungen mit der These, dass heute die deutsch-französische Freundschaft eine Selbstverständlichkeit ist. Allerdings müsse der jüngeren Generation vermittelt werden, wie sich die Freundschaft entwickelt hat, damit sie sie nicht als selbstverständlich ansieht.

Er begann seinen reich bebilderten Vortrag in der Kulturscheune vor zahlreichen Mitgliedern des Französischen Clubs mit den Worten: „Ohne Deutschland und Frankreich gibt es kein Europa“. In vier Kapiteln stellte er die wechselvollen Beziehungen beider Nachbarstaaten dar: Von der Zeit der Kriege bis zur heutigen Epoche der engem Kooperation.

Als „Erbfeind“ habe man Frankreich nach dem gewonnenen Krieg von 1870/71 und der Reichsgründung in Deutschland bezeichnet. Diesen Ereignissen seien aber schon Jahrhunderte von kriegerischen Auseinandersetzungen vorausgegangen. Den Höhepunkt der Feindschaft bildeten die beiden Weltkriege in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In dieser Zeit sei auch das Wort „Boche“ ein gebräuchliches Schimpfwort für Deutsche in Frankreich gewesen.

Nach dem Sieg über Hitlerdeutschland, begänne nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 eine entscheidende und neue Phase der deutsch-französischen Beziehungen. Den Auftakt dazu habe der sogenannte „Schuman-Plan“, der eine supranationale Verwaltung der Kohle- und Stahlindustrien beider Länder (Montanunion) vorsah, gebildet.

Aufeinanderzukommen seit 1949

Durch die Vergemeinschaftung der Kohle- und Stahlindustrie seien einseitige Aufrüstungsprogramme unmöglich geworden, was das gegenseitige Vertrauen beider Nachbarstaaten erheblich gestärkt habe. Zudem habe die Montanunion das Vorbild und den Grundstock für alle weiteren Schritte zur europäischen Einigung, wie zum Beispiel die Gründung der Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und der Euratom in den Jahren 1957/58, gebildet.

Zur endgültigen Aussöhnung sei es nicht zuletzt durch die Männerfreundschaft von Bundeskanzler Konrad Adenauer (1949 bis 1963) und Staatspräsident Charles de Gaulle (1958/59 bis 1969) gekommen. Auch wenn sich ihre Zielvorstellung für ein geeintes Europa in Nuancen unterschieden habe, sei es ihnen durch den Abschluss des Élysée-Vertrags am 22. Januar 1963 gelungen, das Fundament für eine dauerhafte und tiefgreifende Freundschaft zwischen den beiden Ländern zu legen. Im Bezug auf die Einigung Europas gelte der Élysée-Vertrag auch heute noch als „Getriebe“ im häufig zitierten „deutsch-französischen Motor“.

Es gebe keine zwei Staaten in der Welt, die im öffentlichen und sozialen Leben enger miteinander verbunden seien: Sei es durch die Konsultationen zwischen beiden Regierungen auf der parlamentarischen Ebene, durch 2200 Städtepartnerschaften, mehr als 180 akademischen Austauschprogrammen, durch die Kooperationen von Forschungseinrichtungen bis hin zu bilingualen Kindergärten.

Bislang nahmen mehr als acht Millionen jungen Menschen an Austauschprogrammen des Deutsch-Französische Jugendwerks teil. Die Freundschaft und Kooperation sei von einer Angelegenheit der Regierungen zu einem wichtigen Anliegen der Völker geworden. Davon zeugten auch die Erfahrungsberichte der Mitglieder des französischen Clubs über ihre Freundschaften mit Familien aus dem Nachbarland, die sie nach Vortragsende zum Besten gaben. kos

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