Viernheim

Kultur AMS-Gruppe „Seitenwexel“ bringt Besucher bei Revueabend zum Nachdenken / Textbeiträge über Gesundheit, Wohlstand und Natur

Von wegen selbstverständlich!

Viernheim.„Üblich, alltäglich, gängig, gewöhnlich, normal“: Letizia Cipresso zählt Synonyme für „selbstverständlich“ auf. Beim Revueabend der Gruppe „Seitenwexel“ steht das Wort nämlich im Fokus der Programmpunkte.

Die „Seitenwexel“-AG ist das Kulturprojekt der Albertus-Magnus-Schule (AMS). Als Jahresprojekt haben die Schüler aus den Jahrgangsstufen acht bis zwölf eine Veranstaltung organisiert. Bei dem Revueabend stehen die selbst geschriebenen Texte im Mittelpunkt. Für die musikalische Umrahmung sorgen der Popchor und der Musikladen. Als Motto des Abends wählten die Schüler „selbstverständlich“ aus. Wie breit gefächert die Gedanken dazu sein können, wird in den Beiträgen mehr als deutlich.

Schüler der Klasse 6d haben sich überlegt, was für sie selbstverständlich ist. Ihre Gedanken lesen sie in einem Cluster-Vortrag, alle auf einmal, gleichzeitig und durcheinander. Das Wirrwarr entwirren die Schüler selbst und lesen noch einmal einzeln vor, was für sie eine Selbstverständlichkeit ist: ein Dach über dem Kopf, täglich zur Schule gehen, Verantwortung übernehmen und Aufgaben erledigen.

In den kurzen Texten stellen sie sich auch kritische Fragen: Ist es zum Beispiel selbstverständlich, Tiere aus dem Buschfeuer zu retten? Was wäre, wenn der Rhythmus von Tag und Nacht nicht mehr automatisch da wäre? „Was für mich selbstverständlich ist, muss nicht für andere selbstverständlich sein“, lesen die Schüler vor. Vier Mädchen haben längere Texte vorbereitet. Aleyna Düzen nimmt sich der Luft an: „Das ist doch selbstverständlich. Aber nicht in China, dort wird saubere Luft importiert.“ In dem Fall sei „natürlich“ kein Synonym für „selbstverständlich“.

Junge Frau lebt ihren Traum

Annkathrin Bächle verpackt die Selbstverständlichkeit in eine Kurzgeschichte über eine junge Frau. Caroline, die „selbstverständlich“ nach Abitur und Studium die Kanzlei der Mutter übernimmt. Doch sie will ihren eigenen Traum leben und geht mit ihrer Freundin nach Afrika. „Es ist nicht selbstverständlich, Wasser zu haben, das muss man aus dem Brunnen holen“, teilt sie ihren Eltern mit. Die soziale Ungerechtigkeit und politische Unruhen kenne man nicht aus Deutschland, wo Demokratie als „selbstverständlich“ angesehen wird.

Bei Melina Bernauers Text ist es ganz ruhig in der Aula der AMS. Sie beschreibt aus der Ich-Perspektive ein Gefühl der Kälte, der Beklemmung und der Dunkelheit. Die Person konzentriert sich auf den Rhythmus der Atemzüge und Pulsschläge. „Wie ist es, etwas zu verlieren, was selbstverständlich ist, was man zum Leben braucht?“, formuliert die Schülerin die Gedanken des Akteurs, dem langsam die Atmung und der Herzschlag ausgeht.

Auch Sophia Stößer nimmt in ihrem Beitrag auf, dass Selbstverständlichkeit zum Nachteil führen kann. Sie beschreibt einen Vormittag, der wie immer abläuft – eigentlich. Doch auf dem Weg zur Schule passiert ein Unfall. „Es ist nicht selbstverständlich, dass aus der Seitenstraße kein Auto kommt“, führt die Schülerin aus. Was eben noch selbstverständlich war, geht nun nicht mehr: Augen öffnen, sich bewegen, schlucken, weinen, sprechen, fühlen. Sophia Stößer lässt das Publikum mit der Unfallschilderung ohne Happy End zurück: „Es ist nicht selbstverständlich, dass ich wieder aufwache.“

Die Moderatoren Marie Bächle und Letizia Cipresso fassen am Ende zusammen: „Essen, Wasser, Haus, Bildung, Familie, Hilfe, Natur – für uns ist das alles selbstverständlich, deswegen machen wir uns oft keine Gedanken darum. Aber sind diese Dinge vielleicht gar nicht selbstverständlich?“

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