Viernheim

Brexit Viernheimer Unternehmer Bernhard Moog befürchtet steigende Lieferkosten und langwierige Zollkontrollen durch Ausstieg Großbritanniens aus der EU

„Wir haben doch so viel erreicht“

Archivartikel

Viernheim.Rund zwei Monate im Jahr verbringt Bernhard Moog in Großbritannien. „Einen Monat beruflich und einen Monat, um Urlaub zu machen“, erzählt er. „Ich liebe das Land, die Leute, die Kultur – und sogar das Essen schmeckt mir ausgezeichnet“, schwärmt der Viernheimer Unternehmer und muss lachen. Eigentlich wollte sich der 58-Jährige mit seiner Frau ein kleines Häuschen auf der Insel kaufen, den Ruhestand an der Südküste Englands genießen. Er hatte sich schon vorgestellt, wie schön es dort sein würde, wie er ohne bürokratische Hürden den Kaufvertrag unterschreibt und sich um Visum oder Aufenthaltsgenehmigung keine Gedanken machen muss.

„Aber mit dem Brexit geht das jetzt alles nicht mehr“, bedauert Moog – ergänzt jedoch schnell: „Wahrscheinlich jedenfalls, wer weiß das im Moment schon?“ Die Hoffnung hat er noch nicht aufgegeben. Es ist die Unsicherheit, die schwer auf seinen Schultern lastet. Nicht nur, weil seine privaten Zukunftspläne mit dem bevorstehenden Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union über den Haufen geworfen werden. Auch, weil der Gründer von Moog Trailerparts und Trailer Plus rund ein Drittel seines Exportgeschäftes in Großbritannien aufgebaut hat. „Pro Monat liefern wir dort durchschnittlich Waren im Wert von 25 000 bis 30 000 Euro aus“, erklärt er.

Wenig Zeit für Verhandlungen

Zwar will Premierminister Boris Johnson bis zum 31. Januar aus der Staatengemeinschaft ausgetreten sein, „aber bis Dezember 2020 ändert sich erstmal nichts“, betont Moog. Bis zum Jahresende soll es eine Übergangsphase geben, in der die Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU weitgehend unverändert bleiben. Johnson hat bereits angekündigt, diese Zeit für Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU zu nutzen. Normalerweise ein Prozess, der mehrere Jahre dauert.

Das Beste für Moog und sein Exportgeschäft wäre ein „nahtloser Übergang in ein Freihandelsabkommen“, wie er erklärt, „aber niemand weiß, wie es kommt“. Mehrmals haben auch der amerikanische Präsident Donald Trump und Premier Johnson ihre Absichten auf ein „robustes bilaterales Freihandelsabkommen“ nach dem Brexit öffentlich angekündigt.

Was für Noch-Labour-Chef Jeremy Corbyn ein „giftiges Abkommen“ mit „Rattenhaaren in Paprika und Maden im Orangensaft“ ist, wie er Ende Dezember im Unterhaus warnte, macht Moog jedoch keine Angst. Mechanische Bremsen machen den Löwenanteil seines Exportgeschäfts im Vereinigten Königreich aus, „aber die Amerikaner produzieren hauptsächlich hydraulische Anhängerbremsen“, erklärt der Experte. Problematischer wäre es, wenn seine britischen Kunden aufgrund des Brexits „ihre Ersatzteile in Zukunft aus China beziehen“. Momentan würden sie aber noch auf „geprüfte deutsche Qualität“ setzten, so der Unternehmer.

Egal ob nach Frankreich, die Niederlande, Italien oder Finnland: „Innerhalb von 36 bis 72 Stunden sind die Waren da“, lobt Moog die Zuverlässigkeit seines Logistikpartners. Auch Lieferungen in die Schweiz oder nach Norwegen seien kein Problem. Zwar müsse man dort mit Wartezeiten durch Zollkontrollen rechnen, „aber länger als eine Woche hat das noch nie gedauert“, berichtet der Betriebswirt. Normalerweise handele es sich um zwei Tage Verzögerung. Denn das Prozedere der Wareneinfuhr habe sich dort „längst etabliert“. Es gebe genug Personal und auch ausreichend Stellflächen für die wartenden Lastwagen.

Bestellungen auf Vorrat

Sollte es nicht rechtzeitig zu einem Freihandelsabkommen zwischen Großbritannien und der EU kommen, prophezeit Moog überspitzt: „Die Lkw werden sich von Calais bis nach Belgien stauen.“ Es gebe zu wenig Zollbeamte, die den Warenverkehr kontrollieren könnten und nicht ausreichend viele Parkplätze vor dem Eurotunnel für die wartenden Fahrzeuge. Betroffene Firmen rechneten mit Verzögerungen „von bis zu acht Wochen an der Grenze“, beschreibt Moog die Befürchtungen. Dann würden die Lieferkosten in die Höhe schießen.

Sorgen um sein Geschäft macht sich Moog trotzdem nicht. „Einige Kunden bestellen schon auf Vorrat“, seine Ersatzteile seien gefragt. Verstehen könne er aber nicht, warum die Briten auf die Vorzüge der EU verzichten wollen. „Wir haben doch so viel erreicht“, spricht Moog von den Privilegien durch Reisefreiheit und Euro. Er selbst jedenfalls fühle sich mittlerweile „viel mehr als EU-Bürger, anstatt als Deutscher“.

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